deutsche dichter de

Einer wie Viele und Viele wie Einer

Ich klage nicht den Mann, der fällt
Ein Markstein dem erkämpften Land,
Der seines Schicksals Becher hält,
Ihn mischend mit entschloßner Hand,
Nicht, der entgegentritt dem Sturm
Und weiß, daß er die Eiche bricht;
Wer war so reich wie Götz im Turm,
Wie Morus vor dem Blutgericht?

Ich klage nicht den Mann, der stirbt,
Von Welt und eigner Glut verzehrt,
Ihn, dem des Halmes Frucht verdirbt
Und den des Himmels Manna nährt;
Correggio nicht, der siech und falb
Die Kupferheller heimgebracht,
Cervantes, der verhungert halb
Ob seines Pansa noch gelacht.

Sie sind des Unglücks Fürsten, sind
Die Mächtigen im weiten Blau,
Sie fühlen, daß ihr Odem rinnt
Entzündend um der Erde Bau;
Daß aus der Grabesscholle gern
Die Ernte freudig schießt und voll,
Und daß zerfallen muß der Kern,
Wenn sich die Ceder strecken soll.

Ihn klag' ich, dessen Liebe groß
Und dessen Gabe arm und klein,
Den, wie die Glut das dürre Moos,
Zehrt jener Strahlen Widerschein;
Ihn, der des Funkens Irren fühlt
Verheerend in der Adern Bau,
Und den die Welle dann verspült,
Ein Aschenhäuflein, dünn und grau.

O, Eure Zahl ist Legion!
Ihr Halbgesegneten, wo scheu
Ins Herz der Genius geflohn,
Und öde ließ die Phantasei;
Ihr, die Euch möchtet flügellos
Erchwingen mit des Sehnens Hauch,
Und wieder an der Erde Schoß
Sinkt wie ein kranker Nebelrauch.

Nicht klag' ich Euch, weil Ihr gering,
Nicht weil ihr ärmlich und versiecht;
Ich weiß es, daß der Zauberring
Euch unbewußt am Finger liegt;
O, reich seid Ihr und wißt es nicht,
Denn reich ist nur der Träume Land;
O, stark seid Ihr und wißt es nicht,
Denn stark ist nur der Liebe Hand.

Wenn Ihr an Eurem Pulte neigt
An Eurer öden Staffelei,
Um Euch des Himmels Odem steigt
Und in Euch der Beklemmung Schrei;
Wenn zitternd nach dem Ideal
Ihr Eure heißen Arme streckt,
Und kaum für Euer täglich Mahl
Den Halm die nächsten Furche weckt:

Dann seid als der Poet Ihr mehr,
Der seines Herzens Blut verkauft,
Mehr als der stolze Künstler, der
Zur Heiligen die Hetäre tauft;
Was Ihr verschweigt, ist lieblicher,
Als je des Dichters Glut genährt,
Was Ihr begrabt, ist heiliger,
Als Farb' und Pinsel je verklärt.

Mir gab Natur ein kühnes Herz,
Ich senke nicht so leicht den Blick;
Mich drückt nicht Größe niederwärts,
Drängt keine fremde Hand zurück;
Nie hat des Ruhmes Strahlenkranz
An fremder Stirne mich gegrämt;
Doch vor so stiller Augen Glanz
Hab' ich mich hundertmal geschämt.

Weinende Quellen, wo sich rollt
Das Sonnenbild im Wellenbann,
Glühende Stufen, wo das Gold
Nicht aus der Schlacke scheiden kann,
Ich klag' um Euch, weil Ihr betrübt,
Weil Euch das Herz von Tränen schwillt,
Unwissend Sel'ge, weil Ihr liebt
Und zweifelt an der Gottheit Bild.

Wacht, wacht ob Eurem stillen Schatz,
Laßt uns das sonnenöde Land,
Laßt uns den freien Bühnenplatz
Und sterbt im Winkel unbekannt;
Einst wißt Ihr, was in Euch gelebt,
Und was in dem, der Euch gehöhnt;
Einst, wenn der Strahlengott sich hebt
Und wenn die Memnonssäule tönt.