deutsche dichter de

Abendlied

Der Tag ist eingenickt
Beim Wiegenlied der Glocken;
Zum Blumenkuß sich bückt
Der Tau auf leisen Socken;
Die Sterne sammeln sich,
Sie winken sich und drehen;
Fern hör' ich Tritte gehen,
Doch ruhig ist's um mich.

Und wie die dunkle Nacht
Deckt Land und Meeresgründe,
Und was der Mensch vollbracht,
Sein Heil und seine Sünde:
Vor dir ist Alles klar,
Wie Flammenschriften glühen;
Wer mag sich dir entziehen,
Den je dein Wort gebar?

In Demut will mein Herz
Vor deinen Thron sich wagen;
Es will dir seinen Schmerz,
Es will dir Alles sagen.
Die Sünd ist seine Not;
Hilfst du sie, Herr, nicht tragen,
Sie müßte ja mich schlagen
Zum ew'gen Seelentod.

Wenn aus mir selbst ich bau',
So muß mein Werk vergehen;
Wenn in mich selbst ich schau',
Kann ich nur Schrecknis sehen.
Als Kläger schauerlich
Stehn meines Herzens Tücke;
Doch wenn zu dir ich blicke,
Dann wird es hell um mich.

Und gläubig hoff' ich noch,
Du werdest mir verzeihen;
Du sahst mich sünd'gen, doch
Du siehst mich auch bereuen.
So oft in Demut ich
Vor deinem Thron mich funden,
So fließt aus Jesu Wunden
Ein Tröpflein Blut auf mich.

Ich halte mich an dich,
Mein Richter und mein Retter,
So nun als ewiglich;
Vergebens ruft der Spötter:
»O spare deine Müh';
Zu groß sind deine Sünden!
Und willst du Ruhe finden,
So denke nicht an sie!«

Wohl unglücksel'ger Pfeil,
Er trifft des Schützen Leben:
Mein Herr ist stark im Heil,
Und mächtig im Vergeben.
Wenn mein Gewissen droht,
Will ich das Kreuz umfangen;
Ach, der daran gehangen,
Er kennt ja meine Not!

Ich weiß, du zürnest nicht,
Schließ ich die Augenlieder,
Und Kraft zu meiner Pflicht
Gibst du im Schlaf mir wieder.
Scheuch böser Träume Nacht
Von denen, die dich ehren;
Sie können sie nicht wehren,
Sie stehn in Schlafes Macht.

Ich trau' auf deine Hand,
Weil alle deine Güte
Und Liebe mir bekannt,
Daß sie mich wohl behüte,
Und daß ein sichrer Hort
Das Übel von mir wende.
»O Herr, in deine Hände!«
Dies sei mein letztes Wort.