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Das andere Deutschland / The other Germany

In den Tagen, da Hitler durch die Großmächte noch nicht bekämpft wurde und nicht wenige Stimmen aus dem Ausland - von denen einige auch heute noch nicht verstummt sind — ihn ermutigten, wußte die Welt sehr genau, daß er von innen bekämpft wurde, und seine Feinde nannte man: das andere Deutschland. Flüchtlinge, von denen viele in der ganzen Welt bekannt waren, und ausländische Berichterstatter auf Urlaub berichteten, daß dieses andere Deutschland wirklich existierte. Zu keiner Zeit stimmte auch nur die Hälfte der Wähler für das Hitlerregime, und das Vorhandensein der furchtbarsten Instrumente der Unterdrückung und der furchtbarsten Polizeimacht, die die Welt je gesehen hatte, bewies, daß die Gegner des Regimes nicht untätig waren. Hitler verwüstete sein eigenes Land, bevor er andere Länder verwüstete; und der Zustand Polens, Griechenlands oder Norwegens ist kaum elender als der Deutschlands. Er machte im eigenen Land Kriegsgefangene; er hielt ganze Armeen in Konzentrationslagern. Im Jahr 1939 zählten diese Armeen 200.000 - mehr Deutsche, als die Russen bei Stalingrad gefangennahmen. Diese 200.000 stellen nicht die Gesamtheit des anderen Deutschland dar. Sie sind nur ein Teil seiner Kräfte.


Das andere Deutschland konnte Hitler nicht aufhalten, und in dem gegenwärtigen Krieg, der die Großmächte in Konflikt mit ihm gebracht hat, hat man das andere Deutschland fast vergessen. Viele zweifelten, ob es wirklich existierte oder sie bestritten zumindest, daß es überhaupt eine Bedeutung habe. Ein Grund dafür war, daß die kriegführenden Demokratien gegen die Illusionen über die Schlagkraft der Hitler-Armeen ankämpfen mußten. Und es gab mächtige Gruppen, die das andere Deutschland mit Mißtrauen betrachteten: sie fürchteten, es sei sozialistisch. Doch da war auch ein Verdacht, der die Freunde des anderen Deutschland beunruhigte, sogar einige, die selbst zum anderen Deutschland gehörten.


Die schreckliche Frage lautete: Hatte der Krieg den Bürgerkrieg, der in den ersten sechs Jahren der Naziherrschaft in Deutschland fortschwelte, ein Ende bereitet? Es ist schließlich wohlbekannt, daß Kriege grimmigen Nationalismus erzeugen und das Volk fester an die Herrschenden binden.


Das Geschäft des Flüchtlings ist: hoffen. Es bietet keine erstklassigen Sicherheiten. Einige sagten voraus, das Naziregime werde nicht fähig ein, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen; und als sie beseitigt war, sagten sie voraus, er werde bankrott gehen. Einige setzten ihre Hoffnung auf die Reichswehr, auf den Klassenstolz der preußischen Junker, die es ablehnen würden, unter der Führung eines Gefreiten in den Krieg zu ziehen; oder auf die Industriellen des Rheinlandes, die im allgemeinen den Krieg gefürchtet haben müssen. Sogar als der Krieg ausbrach, sagten einige: »Das Regime kann den Krieg fortsetzen, solange er ein Blitzkrieg bleibt, geführt von zwanzigjährigen Jungen und einer mechanisierten Armee von Fachleuten, aber nicht länger. Die Arbeiter bleiben in den Fabriken und man benötigt mindestens dreißig SS-Divisionen, um sie zu bewachen.« Die Eroberung Polens und Norwegens, sogar die Unterwerfung Frankreichs schien von dieser Armee von Fachleuten durchgeführt worden zu sein. Doch dann kam der russische Feldzug, und mit ihm eine Furcht, die beinahe jeden erfaßte. Besonders jene, die die Sowjetunion haßten, hatten Angst. Denn das war kein Krieg von Fachleuten. Das ganze Volk würde in ihn verwickelt werden. Die höheren Altersgruppen, »die sich mit Schaudern an den ersten Weltkrieg noch erinnerten«, Hunderttausende von Arbeitern, die Rußland als ihr Vaterland ansahen, wurden einberufen. Die Arbeiter, der Teil des Volkes, den das Regime selbst immer seinen unerschütterlichsten Feind genannt hatte, traten in genau dem Augenblick in den Krieg ein, als er jenes Land erfaßte, das sie mit besonderer Sympathie betrachtet hatten. Sogar jene, die am unerschütterlichsten gehofft hatten, verstummten. Gab es kein anderes Deutschland?


Ein Mann bleibt bei seinem Geschäft, und das Geschäft des Flüchtlings ist: hoffen. Sehr bald wurden deshalb alle möglichen Erklärungen angeboten, alle mehr oder weniger formaler Art. Das Hitlerregime, so wurde gesagt, mußte bis zur letzten Minute zwei Völker über die Invasion im Ungewissen halten, die Russen und die Deutschen. Das beweist doch wohl, daß die ganze Angelegenheit dem Regime peinlich war? Untersuchungen über die Arbeitspolitik der Nazis während ihrer fünfjährigen Kriegsvorbereitungen waren eine ernstere, Sache. Schon im letzten Jahr der Weimarer Republik war die Lage der Arbeiterklasse katastrophal. Die Rationalisierung der Industrie hatte Arbeitslosigkeit hervorgerufen; die Weltwirtschaftskrise, die Deutschland mit besonderer Gewalt traf, verwandelte die Arbeitslosigkeit in eine nationale Katastrophe. Der Konkurrenzkampf unter den Arbeitern wurde zu einem richtigen Krieg. Die deutsche Arbeiterklasse war bereits uneinig; nun kehrt sich ihre Uneinigkeit gegen sie selbst. Diese Hinterlassenschaft wurde jetzt von dem großen und, wie viele meinen, legitimen Erben der Weimarer Republik übernommen: dem Dritten Reich. Die Arbeitslosigkeit wurde im Handumdrehen beseitigt. Tatsächlich erfolgte die Beseitigung so außerordentlich schnell und umfassend, daß sie wie eine Revolution erschien. Die Fabriken waren mit Gewalt genommen worden. Der vierte Stand stürmte die Bastille ..., nur um dort in Gefangenschaft zu bleiben. Zur selben Zeit wurden die Organisationen der Arbeiterklasse aufgelöst und durch die Polizei dezimiert. So wurde diese Klasse in einen gestaltlosen Mob ohne Willen und ohne politisches Bewußtsein verwandelt. Von nun an hatte der Staat nichts mehr mit Organisationen, sondern nur noch mit Einzelnen zu tun. Napoleon hatte behauptet, man brauche nur an einem bestimmten Punkt und zu einer bestimmten Zeit stärker zu sein; Hitler hat diese Strategie glänzend in die Tat umgesetzt. Seine Maßnahmen brauchen nicht mehr durch diese »Privatpersonen« gebilligt zu werden. Aber das ist nicht alles. Eine friedliche Industrie, die Waren produziert, verlangt nicht, daß die Arbeiter an ihrer Arbeit Freude haben; der moderne mechanisierte Krieg, der nichts anderes ist als eine Industrie der Vernichtung, verlangt nicht, daß die Arbeiter Freude am Krieg haben. Die Ware, mit der sie handeln, ist Vernichtung. Das ist die technisch-ökonomische Seite eines Gesellschaftssystems, das den einfachen Mann sowohl politisch als auch ökonomisch zu einem Werkzeug erniedrigt.


Solche Erklärungen sind aufschlußreicher als die der Geschichtsphilosophen, die töricht und demagogisch jammern, das deutsche Volk sei kriegslüstern von Natur aus, seiner Eroberungssucht käme nur seine Bereitschaft zum Gehorsam gleich, und so weiter. Doch diese Erklärungen stellen nicht die ganze Wahrheit dar. Sie zeigen, wie die arbeitenden Klassen in sklavische Abhängigkeit von den herrschenden Klassen gerieten; sie zeigen nicht, wie die Arbeiter von den Erfolgen der Herrschenden im Krieg abhängig geworden sind. (Emil) Ludwig und Vansittart beklagen, daß das deutsche Volk Hitlers Krieg zumindest duldete. Die Wahrheit ist, daß es den Krieg dulden mußte, weil es ein System duldete, das - neben anderen Dingen - Kriege braucht.


Wenn man beklagt, das deutsche Volk lasse zu, daß seine Regierung einen schrecklichen Angriffskrieg führt, dann beklagt man in Wahrheit, daß das deutsche Volk keine gesellschaftliche Revolution durchführt. Für wessen Interessen wird der Krieg geführt? Eben für die Interessen jener, die nur durch eine gesellschaftliche Revolution gigantischen Ausmaßes aus ihren hohen Stellungen entfernt werden können. Die Interessen der Industriellen und der Junker mögen manchmal voneinander abweichen, beide aber brauchen den Krieg. Sie mögen über die Kriegsführung streiten; aber sie sind gleicherweise überzeugt, daß er geführt werden soll. Bedeutende englische Zeitschriften haben beschrieben, wie die Junker im Kriegsministerium die Konkurrenz zwischen den Trusts anheizen und wie wirkungsvoll die Trusts darum kämpfen, Einfluß auf die Kriegsführung zu gewinnen. Keine Gruppe, die irgend etwas besitzt, ist gegen den Krieg. Wenn der Krieg aussichtslos wird, dann werden die Trusts vielleicht versuchen, die Hitlerbande oder sogar die Generäle um des Friedens willen loszuwerden; aber sie werden nur Frieden schließen, um später wieder Krieg mit allen möglichen zu führen. Für sie ist es natürlich wichtig, das zu behalten, was sie besitzen; wirtschaftliche Macht nämlich, ohne die sie niemals hoffen können, die politische Macht wiederzuerlangen, die sie brauchen, um Krieg zu führen. Französische Minister haben beschrieben - und General de Gaulle hat ihre Beschreibung bestätigt -, daß die französischen Industriellen vor ihrem eigenen Volk solche Angst hatten, daß sie sich vor ihren deutschen Unterdrückern gar nicht schnell genug in den Staub werfen konnten. Sie glaubten, die deutschen Bajonette seien notwendig zur Erhaltung ihres Besitzes. Eines Tages werden die deutschen Industriellen versuchen, Bajonette zu finden (gleichgültig woher) in der Hoffnung, der Verlust ihrer politischen Macht werde nur vorübergehend sein, wenn ihre wirtschaftliche Macht gerettet werden kann. Ist das klar?


Aber wie steht es mit dem Rest des deutschen Volkes, den neunundneunzig Prozent? Liegt der Krieg auch in ihrem Interesse? Brauchen sie Krieg? Wohlmeinende Leute sind allzu voreilig, wenn sie zuversichtlich antworten: Nein. Eine tröstliche Antwort, aber keine richtige. Die Wahrheit ist, daß der Krieg siegt, solange sie nicht das System, unter dem sie leben, abschütteln können oder wollen. Als Hitler an die Macht kam, standen sieben Millionen Familien, das ist ein Drittel der Bevölkerung, vor dem Hungertod. Das System konnte keine Arbeit für sie finden, es konnte ihnen nicht einmal hinreichende Wohlfahrtsunterstützung gewähren. Als dann Arbeit für sie gefunden wurde, bestand sie nur in industriellen Kriegsvorbereitungen. Inzwischen war der sogenannte Mittelstand ruiniert und in die Munitionsfabriken getrieben worden. Hunderttausende von Geschäften und Werkstätten wurden geschlossen, und zwar für immer: Man schmolz die Registrierkassen ein. Auch die Bauern wurden ruiniert, sie sind jetzt reine Pächter, die auf Befehl handeln. Sie können ihr Land nur noch durch billigste Sklavenarbeit bestellen, durch die Arbeit von Kriegsgefangenen. Sogar die kleinsten Fabriken sind für immer ruiniert und ihre Besitzer müssen Anstellungen in der Verwaltung suchen, die sie aber nur finden können, wenn der Staat gesiegt und Gebiete erobert hat, über die er verfügen kann. So haben sie alle ein Interesse am Krieg. Alle. Ist das klar?


Irgendwo muß ein schrecklicher Rechenfehler liegen, auch das ist klar, und es wird um so klarer werden, je schlimmer der Krieg wird. In den bombardierten Städten hocken Menschen in den Kellern brennender Häuser, geschüttelt von tierischer Angst, und beginnen zu lernen. Vermutlich beginnen die im Süden und Osten zurückweichenden Armeen ebenfalls zu lernen. Wo liegt der Rechenfehler? Irgendwo in der Nähe von Smolensk richtet ein schlesischer Soldat sein Gewehr auf einen russischen Panzer, der ihn zermalmt, wenn er nicht angehalten wird. Es bleibt kaum Zeit um zu erkennen, daß das, worauf er sein Gewehr richtet, die Arbeitslosigkeit ist. Und wenn er es erkennt, wie wenig ist damit gewonnen! Ein Ingenieur bemüht sich um eine Verbesserung in der Konstruktion schneller Jagdflugzeuge. Er hat kaum Zeit zu überlegen, was er in einem verarmten Deutschland, das den Krieg verloren hat, anfangen wird. Aber bestimmt ist tief in seinem Innern, wenn auch noch so unerklärlich, etwas in Bewegung geraten; vielleicht ahnt er, daß irgendwo ein Rechenfehler stecken muß. Hamburg brennt, und eine Menschenmenge versucht, aus der Stadt herauszukommen; ein SS-Mann schlägt sie nach Hause zurück. Seine Eltern besaßen ein Möbelgeschäft in Breslau. Jetzt ist es geschlossen werden. Was ist, wenn der Krieg verloren wird? Er fährt fort, die Menge zu prügeln. Viele Eltern sind darunter.


Nur der einzelne kann denken. Nur die Gruppe kann Krieg fuhren. Für das Individuum ist es leichter, der Gruppe zu folgen, als selbst zu denken. Jedes Individuum in einer Menge würde vermutlich etwas tun, aber die Menge tut etwas anderes. Die Russen und die Amerikaner sind weiter entfernt als der Unteroffizier, die RAF ist weiter entfernt als die Polizei. Und der Krieg ist eine Tatsache, während das Denken schwach und unpraktisch ist, eine Träumerei. Der Krieg fordert alles, aber er liefert auch alles. Er liefert Nahrung, Wohnung, Arbeit. Man kann nichts tun, was nicht dem Krieg diente; etwas Gutes tun bedeutet »gut für den Krieg«. Im Krieg werden alle Laster und Schwächen freigesetzt. Doch der Krieg bringt auch alle Tugenden zum Vorschein: Fleiß, Erfindungsgabe, Ausdauer, Tapferkeit, Kameradschaft und sogar Güte. Und doch steckt irgendwo ein enormer Rechenfehler. Wo?


Wenn das Geschick von so vielem und so vielen betroffen ist, dann fällt es schwer zu glauben, nur die Führenden seien für den Krieg verantwortlich. Es fällt leichter anzunehmen, daß die Führenden nur für den verlorenen Krieg verantwortlich sind. Nun ist es unwahrscheinlich, daß das Naziregime, so verbrecherisch es auch ist, Krieg zum Spaß führen würde. Das hat es nicht getan. Was Krieg und Frieden betrifft, so hatte das Regime wahrscheinlich keine andere Wahl. Wer auch immer die Herrschenden sind, sie herrschen nicht nur über den Körper, sondern auch über den Geist; sie schreiben nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken vor. Das Regime mußte den Krieg wählen, weil das ganze Volk den Krieg brauchte; doch das Volk brauchte den Krieg nur unter diesem Regime und muß deshalb eine andere Lebensform suchen. Das ist eine ungeheuerliche Folgerung. Und selbst, wenn die Hand am Zügel unsicher wird, ist der Weg zu dieser Folgerung weit. Denn es ist der Weg zur gesellschaftlichen Revolution.


Die Geschichte zeigt, daß Völker nicht leichtfertig radikale Änderungen des ökonomischen Systems vornehmen. Die Völker sind keine Spieler. Sie spekulieren nicht. Sie hassen und fürchten die Unordnung, die mit gesellschaftlicher Veränderung einhergeht. Nur wenn die Ordnung, unter der sie bisher lebten, sich in unbezweifelbare und unerträgliche Unordnung verwandelt, wagt das Volk - und auch dann nur furchtsam, unsicher, immer wieder aus Angst zurückschreckend -, die Situation zu ändern. Eine Welt, die vom deutschen Volk erwartet, es werde revoltieren und sich in eine friedliche Nation verwandeln, erwartet viel. Sie erwartet vom deutschen Volk Mut, Entschlossenheit und neue Opfer. Wenn unser anderes Deutschland siegen soll, dann muß es seine Lektion gelernt haben.


Der letzte Krieg hatte, in der Niederlage endend, das deutsche Volk für einige Zeit von seinen politischen Fesseln befreit. In den Jahren nach dem Krieg bemühte sich das ganze Volk, eine Regierung für das Volk und durch das Volk zu schaffen. Riesige Arbeiterparteien und kleine bürgerliche Parteien, zum Teil unter katholischem Einfluß, verdammten den Krieg und jede Politik, die zum Krieg führt. Es schien, als ob der Krieg für Generationen in Verruf gebracht worden wäre. Die Künste, Musik, Malerei, Literatur und Theater blühten auf.


Das dauerte nicht lange. Das Volk hatte versäumt, die Schlüsselpositionen in der Volkswirtschaft zu besetzen. Jene, die es gewohnt waren, Befehle zu erteilen, boten ihre Dienste als Spezialisten der Ordnung an, und ihre Dienste wurden angenommen. Die vielgepriesene Ordnung, die sie bewahrten, war die Ordnung von angreifenden Bataillonen; das vielzitierte Chaos, das sie verhinderten, war die Besetzung der Schlüsselstellungen in der Wirtschaft durch das Volk. Und nach einem oder zwei Jahren, in denen ihre wirtschaftlichen Stellungen nicht einmal angezweifelt worden waren, übernahmen sie wieder die politischen Stellungen, und die Vorbereitung des nächsten Krieges begann. Wird all das noch einmal geschehen? Um diese Fragen zu verneinen, muß man eben jene Tatsache günstig interpretieren können, die zunächst die Fragestellung unsinnig erscheinen läßt, nämlich die vielzitierte »unerschütterliche Moral Hitlerdeutschlands«.


Die Tatsache, daß auf die Entbehrungen und Niederlagen Nazideutschlands keine rasche Reaktion erfolgte, ist zugegebenermaßen störend. Man muß jedoch fähig sein zu erkennen, daß gerade diese Verzögerung anzeigt, wie tief und umfassend die Reaktion sein wird. Dieses Mal haben die Imperialisten keine Parlamente, an die sie sich wenden können, wenn sie möchten, daß jemand den Krieg für sie beendet. Heute gibt es keine Dynastien, die als Sündenbock geopfert werden können, ohne die Struktur des Staates im mindesten zu gefährden. Wenn auf der anderen Seite die Massen versuchen, sich einen Ausweg aus dem Krieg zu erkämpfen, dann müssen sie gegen Hunderttausende von Hitleranhängern antreten, die nur in einem ungeheuren Bürgerkrieg besiegt werden können, einem Bürgerkrieg, der mit den improvisierten Truppen einer Volksregierung geführt werden müßte. Das Volk müßte aufstehen gegen seine Unterdrücker - die Unterdrücker der ganzen Welt - und sie besiegen.


Eines ist sicher. Wenn das deutsche Volk seine Beherrscher nicht abschütteln kann, wenn es diesen Beherrschern im Gegenteil gelingt, eine »friderizianische Variation« zu spielen, das heißt, wenn es ihnen gelingt, den Krieg fortzusetzen, bis Uneinigkeit unter den Alliierten die Gelegenheit für einen Verhandlungsfrieden bietet; oder wenn andererseits die Beherrscher Deutschlands militärisch besiegt werden, wirtschaftlich aber an der Macht bleiben, dann ist eine Befriedung Europas undenkbar. Im letzten Fall würde eine militärische Besetzung durch die Alliierten bestimmt nicht helfen. Es ist schwer genug, heutzutage Indien durch gewaltsame Kolonisierung unter Kontrolle zu halten; es wäre ganz unmöglich, Mitteleuropa zu beherrschen. Sollten die Alliierten die Waffen nicht nur gegen das erschöpfte Regime, sondern auch gegen das Volk wenden, dann würden sie ungeheure Kräfte benötigen; die Nazis brauchten mehr als eine halbe Million SS-Männer, die größte Polizeimacht der Geschichte, und einen Blockwart für jeden Block in jeder Stadt; sie mußten auch die Hoffnung auf einen Erfolg des Eroberungskrieges aufrechterhalten, ohne die sowohl die Polizei als auch die Bevölkerung verhungern würde. Der fremde Soldat mit einem Gewehr in der einen Hand und einer Flasche Milch in der anderen würde nur dann als ein Freund angesehen, würdig der großen Demokratien, die ihn geschickt haben, wenn die Milch für das Volk und das Gewehr für das Regime bestimmt wäre. Der Gedanke, ein ganzes Volk mit Gewalt zu erziehen, ist absurd. Was das deutsche Volk aus blutigen Niederlagen, Bombardements, Verarmung und aus den Bestialitäten seiner Führer innerhalb und außerhalb Deutschlands nicht gelernt hat, wenn dieser Krieg vorüber ist, das wird es auch nicht aus Geschichtsbüchern lernen. Völker können sich nur selbst erziehen; und sie werden eine Herrschaft des Volkes nicht errichten, wenn ihre Hirne, sondern nur, wenn ihre Hände sie ergreifen.