deutsche dichter de

Der arme Schiffer

Ein armer Schiffer stak in Schulden
Und klagte dem Philet sein Leid.
"Herr," sprach er, "leiht mir hundert Gulden.
Allein zu eurer Sicherheit
Hab' ich kein ander Pfand, als meine Redlichkeit;
Indessen leiht mir aus Erbarmen
Die hundert Gulden auf ein Jahr."

Philet, ein Retter in Gefahr,
Ein Vater vieler hundert Armen,
Zählt ihm das Geld mit Freuden dar.
"Hier," spricht er, "nimm es hin und brauch' es ohne Sorgen;
Ich freue mich, daß ich dir dienen kann.
Du bist ein ordentlicher Mann;
Dem muß man ohne Handschrift borgen."

Ein Jahr und noch ein Jahr verstreicht;
Kein Schiffer läßt sich wieder sehen.
Wie? Sollt' er wohl Phileten hintergehen
Und ein Betrüger sein? Vielleicht.
Doch nein! Hier kommt der Schiffer gleich.
"Herr," fängt er an, "erfreut euch,
Ich bin aus allen meinen Schulden;
Und seh't, hier sind zweihundert Gulden,
Die ich durch euer Geld gewann.
Ich bitt' euch herzlich, nehmt sie an;
Ihr seid ein gar zu wack'rer Mann."
"O!" spricht Philet, "ich kann mich nicht besinnen,
Daß ich dir jemals Geld gelieh'n.
Hier ist mein Rechnungsbuch, ich will's zu Rate zieh'n;
Allein ich weiß es schon, du stehest nicht darinnen."

Der Schiffer sieht ihn an und schweigt betroffen still,
Und kränkt sich, daß Philet das Geld nicht nehmen will;
Er läuft und kommt mit voller Hand zurück:
"Hier," spricht er, ist der Rest von meinem ganzen Glücke,
Noch hundert Gulden; nehmt sie hin
Und laßt mit nur das Lob, daß ich erkenntlich bin.
Ich bin vergnügt, ich habe keine Schulden,
Und dieses Glück verdank' ich euch allein.
Herr, wollt ihr ja recht gütig sein,
So leiht mir wieder fünfzig Gulden."

"Hier," spricht Philet, "hier ist dein Geld,
Behalte deinen ganzen Segen.
Ein Mann, der Treu' und Glauben hält,
Verdient ihn seiner Treue wegen.
Sei du mein Freund! Das Geld ist dein;
Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein,
Und diese sollen deinen Kindern sein."