deutsche dichter de

Der Fuchs und die Elster

Zur Elster sprach der Fuchs: „O! wenn ich fragen mag,
Was sprichst du doch den ganzen Tag?
Du sprichst wohl von besondern Dingen?“
„Die Wahrheit“, rief sie, „breit' ich aus.
Was keines weiß herauszubringen,
Bring' ich durch meinen Fleiß heraus,
Vom Adler bis zur Fledermaus.“

„Dürft' ich“, versetzt der Fuchs, „mit Bitten dich beschweren,
So wünscht' ich mir, etwas von deiner Kunst zu hören.“

So, wie ein weiser Arzt, der auf der Bühne steht
Und seine Künste rühmt, bald vor, bald rückwärts geht,
Sein seidnes Schnupftuch nimmt, sich räuspert und dann spricht:
So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder
Und strich an einen Zweig den Schnabel hin und wider
Und macht ein sehr gelehrt Gesicht.
Drauf fängt sie ernsthaft an und spricht:

„Ich diene gern mit meinen Gaben,
Denn ich behalte nichts für mich.
Nicht wahr, Sie denken doch, daß Sie vier Füße haben?
Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich.
Nur zugehört! Sie werden's finden,
Denn ich beweis' es gleich mit Gründen.

Ihr Fuß bewegt sich, wenn er geht,
Und er bewegt sich nicht, so lang er stille steht;
Doch merken Sie, was ich itzt sagen werde,
Denn dieses ist es noch nicht ganz.
So oft Ihr Fuß nur geht, so geht er auf der Erde.
Betrachten Sie nun Ihren Schwanz.
Sie sehen, wenn Ihr Fuß sich reget,
Daß auch Ihr Schwanz sich mit beweget;
Itzt ist Ihr Fuß bald hier, bald dort,
Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort,
So oft Sie nach den Hühnern reisen.
Daraus zieh' ich nunmehr den Schluß,
Ihr Schwanz, das sei Ihr fünfter Fuß:
Und dies, Herr Fuchs, war zu beweisen.“

Ja, dieses hat uns noch gefehlt;
Wie freu' ich mich, daß es bei Tieren
Auch große Geister giebt, die alles demonstrieren!
Mir hat's der Fuchs für ganz gewiß erzählt.
Je minder sie verstehn, sprach dieses schlaue Vieh,
Um desto mehr beweisen sie.