deutsche dichter de

Der Sandmann

Nathanael an Lothar

Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange - lange nicht
geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier
in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir
in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so;
täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen
geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt
mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte,
wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach wie vermochte ich denn Euch zu
schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher
alle Gedanken verstörte! - Etwas Entsetzliches ist in mein Leben
getreten! - Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden
Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus,
undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll ich Dir
sagen, was mir widerfuhr. Ich muß es, das sehe ich ein, aber nur es
denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber
Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaßen empfinden zu
lassen, daß das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein
Leben so feindlich zerstören konnte! Wärst Du nur hier, so könntest Du
selbst schauen; aber jetzt hältst Du mich gewiß für einen aberwitzigen
Geisterseher. - Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah,
dessen tödlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe,
besteht in nichts anderm, als daß vor einigen Tagen, nämlich am 30.
Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat
und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe
herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging.

Du ahnest, daß nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende
Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben können, ja, daß wohl die
Person jenes unglückseligen Krämers gar feindlich auf mich wirken muß.
So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um
ruhig und geduldig Dir aus meiner frühern Jugendzeit so viel zu
erzählen, daß Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden
Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, höre ich Dich lachen
und Clara sagen: »Das sind ja rechte Kindereien!« - Lacht, ich bitte
Euch, lacht mich recht herzlich aus! - ich bitt Euch sehr! - Aber Gott
im Himmel! die Haare sträuben sich mir und es ist, als flehe ich Euch
an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den
Daniel. - Nun fort zur Sache!

Außer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagüber
den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschäftigt sein.
Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemäß schon um sieben Uhr
aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters
Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte
Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzählte er uns viele
wunderbare Geschichten und geriet darüber so in Eifer, daß ihm die
Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder
anzünden mußte, welches mir denn ein Hauptspaß war. Oft gab er
uns aber Bilderbücher in die Hände, saß stumm und starr in seinem
Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, daß wir alle wie im
Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und
kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: »Nun Kinder! - zu Bette! zu
Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon.« Wirklich hörte ich dann
jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern;
das mußte der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten
und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns
fortführte: »Ei Mama! wer ist denn der böse Sandmann, der uns immer
von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus?« - »Es gibt keinen
Sandmann, mein liebes Kind«, erwiderte die Mutter: »wenn ich sage,
der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig
und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand
hineingestreut.« - Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in
meinem kindischen Gemüt entfaltete sich deutlich der Gedanke, daß
die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht
fürchten sollten, ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll
Neugierde, Näheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns
Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste
Schwester wartete: was denn das für ein Mann sei, der Sandmann? »Ei
Thanelchen«, erwiderte diese, »weißt du das noch nicht? Das ist ein
böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen
wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum
Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in
den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im
Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der
unartigen Menschenkindlein Augen auf.« - Gräßlich malte sich nun im
Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die
Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts
als den unter Tränen hergestotterten Ruf. »Der Sandmann! der Sandmann!
« konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in
das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die
fürchterliche Erscheinung des Sandmanns. - Schon alt genug war
ich geworden, um einzusehen, daß das mit dem Sandmann und seinem
Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzählt hatte,
wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne; indessen blieb mir der
Sandmann ein fürchterliches Gespenst, und Grauen - Entsetzen ergriff
mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch
meines Vaters Stubentür heftig aufreißen und hineintreten hörte.
Manchmal blieb er lange weg, dann kam er öfter hintereinander.
Jahrelang dauerte das, und nicht gewöhnen konnte ich mich an den
unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen
Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr
und mehr zu beschäftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine
unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst - selbst das Geheimnis zu
erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den
Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf
die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon
leicht im kindlichen Gemüt sich einnistet. Nichts war mir lieber, als
schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Däumlingen usw. zu hören
oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den
seltsamsten, abscheulichsten Gestalten überall auf Tische, Schränke
und Wände mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt
geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen,
das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer
mußten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im
Hause hören ließ, schnell entfernen. In meinem Kämmerchen vernahm ich,
wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als
verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer
höher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgend eine Weise des
Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem
Kämmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorübergegangen, aber
nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur
Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar
werden mußte. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloß
ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu
erwarten.

An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines
Abends, daß der Sandmann kommen werde; ich schützte daher große
Müdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich
dicht neben der Türe in einen Schlupfwinkel. Die Haustür knarrte,
durch den Flur ging es, langsamen, schweren, dröhnenden Schrittes nach
der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorüber. Leise -
leise öffnete ich des Vaters Stubentür. Er saß, wie gewöhnlich, stumm
und starr den Rücken der Türe zugekehrt, er bemerkte mich nicht,
schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben
der Türe stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen,
vorgezogen war. - Näher - immer näher dröhnten die Tritte - es hustete
und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst
und Erwartung. - Dicht, dicht vor der Türe ein scharfer Tritt - ein
heftiger Schlag auf die Klinke, die Tür springt rasselnd auf! - Mit
Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht
mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter
brennt ihm ins Gesicht! - Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist
der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage ißt!

Aber die gräßlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen
erregen können, als eben dieser Coppelius. - Denke Dir einen großen
breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem
Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche
Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe
gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen
Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar
und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen
Zähne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen
aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber
dazu schwarze Strümpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die
kleine Perücke reichte kaum bis über den Kopfwirbel heraus, die
Kleblocken standen hoch über den großen roten Ohren und ein breiter
verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so daß man die
silberne Schnalle sah, die die gefältelte Halsbinde schloß. Die ganze
Figur war überhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns
Kindern seine großen knotigten, haarigten Fäuste zuwider, so daß wir,
was er damit berührte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt und
nun war es seine Freude, irgend ein Stückchen Kuchen, oder eine süße
Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter
diesem, oder jenem Vorwande zu berühren, daß wir, helle Tränen in
den Augen, die Näscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr
genießen mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns
an Feiertagen der Vater ein klein Gläschen süßen Weins eingeschenkt
hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herüber, oder brachte wohl
gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir
unsern Ärger nur leise schluchzend äußern durften. Er pflegte uns nur
immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen,
keinen Laut von uns geben und verwünschten den häßlichen, feindlichen
Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude
verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwärtigen
Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr
heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern Ernst.
Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein höheres Wesen, dessen
Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten
müsse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden
gekocht und seltene Weine kredenzt.

Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in
meiner Seele auf, daß ja niemand anders, als er, der Sandmann sein
könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem
Ammenmärchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung
holt - nein! - ein häßlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er
einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt.

Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich
dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend
durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius
feierlich. »Auf! - zum Werk«, rief dieser mit heiserer, schnurrender
Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen
Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel.
Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die
Flügeltür eines Wandschranks; aber ich sah, daß das, was ich solange
dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze
Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und
eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames
Geräte stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter Vater
zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein gräßlicher
krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum häßlichen
widerwärtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius
ähnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit
hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte.
Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber
ohne Augen - scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen
her, Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich
kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfaßt und stürzte aus
meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius,
»kleine Bestie! - kleine Bestie!« meckerte er zähnfletschend! -
riß mich auf und warf mich auf den Herd, daß die Flamme mein Haar
zu sengen begann: »Nun haben wir Augen - Augen - ein schön Paar
Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten
glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen
wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief. »Meister!
Meister! laß meinem Nathanael die Augen - laß sie ihm!« Coppelius
lachte gellend auf und rief. »Mag denn der Junge die Augen behalten
und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den
Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit faßte
er mich gewaltig, daß die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände
ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »'s
steht doch überall nicht recht! 's gut so wie es war! - Der Alte hat's
verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich
her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und
Gebein - ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über
mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte
sich über mich hingebeugt. »Ist der Sandmann noch da?« stammelte
ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir
keinen Schaden!« - So sprach die Mutter und küßte und herzte den
wiedergewonnenen Liebling.

Was soll ich Dich ermüden, mein herzlieber Lothar! was soll ich so
weitläufig einzelnes hererzählen, da noch so vieles zu sagen übrig
bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von
Coppelius gemißhandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein
hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag.
»Ist der Sandmann noch da?« - Das war mein erstes gesundes Wort
und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den
schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzählen; dann
wirst Du überzeugt sein, daß es nicht meiner Augen Blödigkeit ist,
wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, daß ein dunkles
Verhängnis wirklich einen trüben Wolkenschleier über mein Leben
gehängt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreiße.

Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt
verlassen.

Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveränderten Sitte
gemäß abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und
erzählte viel Ergötzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend
gemacht. Da hörten wir, als es neune schlug, plötzlich die Haustür in
den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte dröhnten durch
den Hausflur die Treppe herauf. »Das ist Coppelius«, sagte meine
Mutter erblassend. »Ja! - es ist Coppelius«, wiederholte der Vater
mit matter gebrochener Stimme. Die Tränen stürzten der Mutter aus den
Augen. »Aber Vater, Vater!« rief sie, »muß es denn so sein?« - »Zum
letzten Male!« erwiderte dieser, »zum letzten Male kommt er zu mir,
ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht - geht zu
Bette! Gute Nacht!«

Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepreßt - mein
Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich
stehen blieb: »Komm Nathanael, komme nur!« Ich ließ mich fortführen,
ich trat in meine Kammer. »Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins
Bette! - schlafe - schlafe«, rief mir die Mutter nach; aber von
unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält, konnte ich kein
Auge zutun. Der verhaßte abscheuliche Coppelius stand vor mir mit
funkelnden Augen und lachte mich hämisch an, vergebens trachtete ich
sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als
ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschütz losgefeuert
würde. Das ganze Haus erdröhnte, es rasselte und rauschte bei meiner
Türe vorüber, die Haustüre wurde klirrend zugeworfen. »Das ist
Coppelius!« rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte
es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort stürzte ich nach des
Vaters Zimmer, die Türe stand offen, erstickender Dampf quoll mir
entgegen, das Dienstmädchen schrie: »Ach, der Herr! - der Herr!« -
Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz
verbranntem gräßlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten
und winselten die Schwestern - die Mutter ohnmächtig daneben! -
»Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!« - So
schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf
meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder mild
und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Tröstend ging es in meiner
Seele auf, daß sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins
ewige Verderben gestürzt haben könne.

Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar
und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung
vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.

Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! daß jener
Wetterglashändler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es
nicht verargen, daß ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil
bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und
Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als daß hier
ein Irrtum möglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal
seinen Namen geändert. Er gibt sich hier, wie ich höre, für einen
piemontesischen Mechanikus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola.

Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu
rächen, mag es denn nun gehen wie es will.

Der Mutter erzähle nichts von dem Erscheinen des gräßlichen Unholds
- Grüße meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer
Gemütsstimmung. Lebe wohl etc. etc.


Clara an Nathanael

Wahr ist es, daß Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber
dennoch glaube ich, daß Du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn
meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief
an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an
mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum
erst bei den Worten inne: »Ach mein herzlieber Lothar!« - Nun hätte
ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen.
Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei
vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, daß
ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller
Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine
glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, daß
Deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen,
es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael!
was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von
Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie
ein glühender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des
widerwärtigen Coppelius ist gräßlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein
guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder
Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen,
aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe
Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schäme ich
mich, es zu gestehen, daß er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen
Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch
bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet.
Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa
sagen möchte, daß ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde
Dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie
immer.

Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, daß, wie ich meine, alles
Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem
Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig
teilhatte. Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber
daß er Kinder haßte, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen
ihn hervor.

Natürlich verknüpfte sich nun in Deinem kindischen Gemüt der
schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius,
der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer,
Kindern vorzüglich gefährlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben
mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als daß beide
insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht
zufrieden sein konnte, da gewiß viel Geld unnütz verschleudert und
obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll,
des Vaters Gemüt ganz von dem trügerischen Drange nach hoher Weisheit
erfüllt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiß
durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigeführt, und Coppelius
ist nicht schuld daran: Glaubst Du, daß ich den erfahrnen Nachbar
Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine
solche augenblicklich tötende Explosion möglich sei? Der sagte: »Ei
allerdings« und beschrieb mir nach seiner Art gar weitläufig und
umständlich, wie das zugehen könne, und nannte dabei so viel sonderbar
klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. - Nun wirst
Du wohl unwillig werden über Deine Clara, Du wirst sagen: »In dies
kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen
oft mit unsichtbaren Armen umfaßt; sie erschaut nur die bunte
Oberfläche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind über die
goldgleißende Frucht, in deren Innern tödliches Gift verborgen.«

Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, daß auch in
heitern - unbefangenen - sorglosen Gemütern die Ahnung wohnen könne
von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu
verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfältig Mädchen
mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich
eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar
am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil
ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle,
es zu sagen.

Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch
einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und
fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst
nicht betreten haben würden - gibt es eine solche Macht, so muß sie in
uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur
_so_ glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf,
um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch das
heitre Leben gestärkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken
als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und
Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl
jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der
Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch
gewiß, fügt Lothar hinzu, daß die dunkle psychische Macht, haben wir
uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die
Außenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so,
daß wir selbst nur den Geist entzünden, der, wie wir in wunderlicher
Täuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom
unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe
Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel
verzückt. - Du merkst, mein herzlieber Nathanael! daß wir, ich und
Bruder Lothar uns recht über die Materie von dunklen Mächten und
Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Mühe
das Hauptsächlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt.
Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er
meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte Dich,
schlage Dir den häßlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann
Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, daß diese fremden
Gestalten nichts über Dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche
Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen. Spräche nicht aus
jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemüts,
schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in innerster Seele,
wahrhaftig, ich könnte über den Advokaten Sandmann und den
Wetterglashändler Coppelius scherzen. Sei heiter - heiter! - Ich habe
mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist, und den
häßlichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im
Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und
gar nicht fürchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Fäusten,
er soll mir weder als Advokat eine Näscherei, noch als Sandmann die
Augen verderben.

Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc.


Nathanael an Lothar

Sehr unlieb ist es mir, daß Clara neulich den Brief an Dich aus,
freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und
las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief
geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola
nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die
augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der
Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen
holdlächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum,
hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren
könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du
liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und
sondern lerne. - Laß das bleiben! - Übrigens ist es wohl gewiß, daß
der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat
Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor
der Physik, der, wie jener berühmte Naturforscher, Spalanzani heißt
und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon
seit vielen Jahren und überdem hört man es auch seiner Aussprache an,
daß er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie
mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr,
Du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los
kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf
mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir
Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein
kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner
Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als
in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er
von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht,
anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe
herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene
Gardine zur Seite einen kleinen Spalt läßt. Selbst weiß ich nicht, wie
ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im
reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß
im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände
zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß
ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu
bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht
ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen
Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort
ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, daß die
Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er
sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein
Mensch in ihre Nähe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit
ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe
ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das
mündlich erzählen können. Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage
bei Euch bin. Ich muß mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara,
wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich
(ich muß das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner
bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.

Tausend Grüße etc. etc. etc.


Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige
ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten
Nathanael, zugetragen, und was ich dir, günstiger Leser! zu erzählen
unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das
deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere
daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut
entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine
Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem
andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloß in
dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: »Wie ist Ihnen, Verehrter?
- Was haben Sie, Teurer?« Und nun wolltest du das innere Gebilde mit
allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und
mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir,
als müßtest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche,
Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht
zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe.
Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig
und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die
nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche,
hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber,
wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriß
deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe
immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl
mannigfacher Gestalten riß die Freunde fort und sie sahen, wie du,
sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemüt hervorgegangen! -
Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muß, eigentlich
niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weißt ja
aber wohl, daß ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre,
denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so
zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt und nebenher auch
wohl noch die ganze Welt: »Was ist es denn? Erzählen Sie Liebster?« -
So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem
Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfüllte
meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser!
gleich geneigt machen mußte, Wunderliches zu ertragen, welches nichts
Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend
- originell, ergreifend, anzufangen: »Es war einmal« - der schönste
Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! - »In der kleinen Provinzialstadt
S. lebte« - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. - Oder
gleich medias in res: »>Scher er sich zum Teufel<, rief, Wut
und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der
Wetterglashändler Giuseppe Coppola« - Das hatte ich in der Tat schon
aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael
etwas Possierliches zu verspüren glaubte; die Geschichte ist aber gar
nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten
etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien.
Ich beschloß gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei
Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriß
des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe
hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche
Gestalt, wie ein guter Porträtmaler, so aufzufassen, daß du es ähnlich
findest, ohne das Original zu kennen, ja daß es dir ist, als hättest
du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen.
Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, daß nichts
wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und daß dieses
der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem
Widerschein, auffassen könne.

Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig, ist jenen
Briefen noch hinzuzufügen, daß bald darauf, als Nathanaels Vater
gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitläuftigen Verwandten,
der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels
Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael faßten eine
heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas
einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort
verließ um seine Studien in G. - fortzusetzen. Da ist er nun in seinem
letzten Brief und hört Kollegia bei dem berühmten Professor Physices,
Spalanzani.

Nun könnte ich getrost in der Erzählung fortfahren; aber in dem
Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, daß ich nicht
wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlächelnd
anblickte. - Für schön konnte Clara keinesweges gelten; das meinten
alle, die sich von Amtswegen auf Schönheit verstehen. Doch lobten die
Architekten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses, die Maler fanden
Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten
sich dagegen sämtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten
überhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein
wirklicher Fantast, verglich aber höchstseltsamer Weise Claras Augen
mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines
Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes,
heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und
sprachen: »Was See - was Spiegel! - Können wir denn das Mädchen
anschauen, ohne daß uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesänge
und Klänge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, daß da
alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft
Gescheutes, so ist überhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn
auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lächeln, wenn
wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als
sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Töne verworren durcheinander
springen.« Es war dem so. Clara hatte die lebenskräftige Fantasie des
heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes
Gemüt, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und
Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was
überhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der
helle Blick, und jenes feine ironische Lächeln: Lieben Freunde! wie
möget ihr mir denn zumuten, daß ich eure verfließende Schattengebilde
für wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? - Clara
wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber
andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefaßt, liebten ungemein das
gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr, als
Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter
bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten
Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte.
Mit welchem Entzücken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im
letzten Briefe an Lothar es verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt
ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt;
denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an
den Advokaten Coppelius, noch an Claras verständigen Brief, jede
Verstimmung war verschwunden.

Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb,
daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht
feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael
gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert
sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien, und trieb es bald so
seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze
Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie
jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen
Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man
sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit,
zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und
Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die
Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus
dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines außer uns
selbst liegenden höheren Prinzips.

Der verständigen Clara war diese mystische Schwärmerei im höchsten
Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung
einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, daß Coppelius das böse
Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfaßt habe, als er hinter dem
Vorhange lauschte, und daß dieser widerwärtige _Dämon_ auf entsetzliche
Weise ihr Liebesglück stören werde, da wurde Clara sehr ernst und
sprach: »Ja Nathanael! du hast recht, Coppelius ist ein böses
feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, wie eine teuflische
Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn
nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, _ist_
er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht.« - Nathanael, ganz
erzürnt, daß Clara die Existenz des _Dämons_ nur in seinem eignen Innern
statuiere, wollte dann hervorrücken mit der ganzen mystischen Lehre
von Teufeln und grausen Mächten, Clara brach aber verdrüßlich ab,
indem sie irgend etwas Gleichgültiges dazwischen schob, zu Nathanaels
nicht geringem Ärger. _Der_ dachte, kalten unempfänglichen Gemütern
verschließen sich solche tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewußt
zu sein, daß er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zähle,
weshalb er nicht abließ mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse
einzuweihen. Am frühen Morgen, wenn Clara das Frühstück bereiten half,
stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Büchern vor, daß
Clara bat: »Aber lieber Nathanael, wenn ich _dich_ nun das böse Prinzip
schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? - Denn, wenn
ich, wie du es willst, alles stehen und liegen lassen und dir, indem
du liesest, in die Augen schauen soll, so läuft mir der Kaffee ins
Feuer und ihr bekommt alle kein Frühstück!« - Nathanael klappte das
Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte
er eine besondere Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen, die er
aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnügen anhörte, jetzt
waren seine Dichtungen düster, unverständlich, gestaltlos, so daß,
wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fühlte, wie
wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war für Clara tötender,
als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu
besiegende geistige Schläfrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen waren in
der Tat sehr langweilig. Sein Verdruß über Claras kaltes prosaisches
Gemüt stieg höher, Clara konnte ihren Unmut über Nathanaels dunkle,
düstere, langweilige Mystik nicht überwinden, und so entfernten beide
im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken.
Die Gestalt des häßlichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich
gestehen mußte, in seiner Fantasie erbleicht und es kostete ihm oft
Mühe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz
auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene
düstre Ahnung, daß Coppelius sein Liebesglück stören werde, zum
Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar,
in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine
schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus,
die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen,
erscheint der entsetzliche Coppelius und berührt Claras holde Augen;
die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und
brennend, Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden
Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn
sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan
grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie
schwarze, weißhauptige Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber
durch dies wilde Tosen hört er Claras Stimme: »Kannst du mich denn
nicht erschauen? Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht
meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende
Tropfen deines eignen Herzbluts - ich habe ja meine Augen, sieh mich
doch nur an!« - Nathanael denkt: Das ist Clara, und ich bin ihr eigen
ewiglich. - Da ist es, als faßt der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis
hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht
dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der
Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut.

Während Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er
feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen
Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend
sich fügte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht
für sich laut las, da faßte ihn Grausen und wildes Entsetzen und er
schrie auf. »Wessen grauenvolle Stimme ist das?« - Bald schien ihm
jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war
ihm, als müsse Claras kaltes Gemüt dadurch entzündet werden, wiewohl
er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzündet, und wozu es denn
nun eigentlich führen solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu
ängstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstörendes Geschick
weissagten. Sie, Nathanael und Clara, saßen in der Mutter kleinem
Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen,
in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Träumen und
Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von
lustigen Dingen wie sonst, so, daß Clara sagte: »Nun erst habe ich
dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den häßlichen Coppelius
vertrieben haben?« Da fiel dem Nathanael erst ein, daß er ja die
Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog
auch sogleich die Blätter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas
Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing
an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das
düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte
starr dem Nathanael ins Auge. _Den_ riß seine Dichtung unaufhaltsam
fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm
aus den Augen. - Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer
Ermattung - er faßte Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in
trostlosem Jammer: »Ach! - Clara - Clara!« - Clara drückte ihn
sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst:
»Nathanael - mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige -
wahnsinnige Märchen ins Feuer.« Da sprang Nathanael entrüstet auf und
rief, Clara von sich stoßend: »Du lebloses, verdammtes Automat!« Er
rannte fort, bittre Tränen vergoß die tief verletzte Clara: »Ach er
hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht«, schluchzte
sie laut. - Lothar trat in die Laube; Clara mußte ihm erzählen was
vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort
ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, daß der Unmut,
den er wider den träumerischen Nathanael lange im Herzen getragen,
sich entzündete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das
unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor,
die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer,
wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen
erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am
folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte
mit scharfgeschliffenen Stoßrapieren zu schlagen. Stumm und finster
schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehört und
gesehen, daß der Fechtmeister in der Dämmerung die Rapiere brachte.
Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten
Lothar und Nathanael soeben düsterschweigend die Röcke abgeworfen,
blutdürstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander
ausfallen, als Clara durch die Gartentür herbeistürzte. Schluchzend
rief sie laut: »Ihr wilden entsetzlichen Menschen! - stoßt mich nur
gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn länger
leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder
den Geliebten ermordet hat!« - Lothar ließ die Waffe sinken und
sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in
herzzerreißender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals
in der herrlichen Jugendzeit schönsten Tagen für die holde Clara
empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stürzte zu Claras
Füßen. »Kannst du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine
herzgeliebte Clara! - Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder
Lothar!« - Lothar wurde gerührt von des Freundes tiefem Schmerz;
unter tausend Tränen umarmten sich die drei versöhnten Menschen und
schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue.

Dem Nathanael war es zumute, als sei eine schwere Last, die ihn
zu Boden gedrückt, von ihm abgewälzt, ja als habe er, Widerstand
leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem
Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei
den Lieben, dann kehrte er zurück nach G., wo er noch ein Jahr zu
bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren
gedachte.

Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen
worden; denn man wußte, daß sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken
konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes schuld gab.


Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, daß
das ganze Haus niedergebrannt war, so daß aus dem Schutthaufen nur
die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem
Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, ausgebrochen
war, das Haus daher von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch
den kühnen, rüstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in
Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, und Bücher,
Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in
ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen,
welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete
er darauf, daß er dem Professor Spalanzani gegenüber wohnte, und
ebensowenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, daß er
aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia
einsam saß, so, daß er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl
die Züge des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es
ihm endlich auf, daß Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung,
wie er sie einst durch die Glastüre entdeckte, ohne irgend eine
Beschäftigung an einem kleinen Tische saß und daß sie offenbar
unverwandten Blickes nach ihm herüberschaute; er mußte sich auch
selbst gestehen, daß er nie einen schöneren Wuchs gesehen; indessen,
Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia höchst
gleichgültig und nur zuweilen sah er flüchtig über sein Kompendium
herüber nach der schönen Bildsäule, das war alles. - Eben schrieb
er an Clara, als es leise an die Türe klopfte; sie öffnete sich auf
seinen Zuruf und Coppolas widerwärtiges Gesicht sah hinein. Nathanael
fühlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani
über den Landsmann Coppola gesagt und was er auch rücksichts des
Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schämte er
sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit
aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als möglich:
»Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!« Da
trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton,
indem sich das weite Maul zum häßlichen Lachen verzog und die kleinen
Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: »Ei,
nix Wetterglas, nix Wetterglas! - hab auch sköne Oke - sköne Oke!« -
Entsetzt rief Nathanael: »Toller Mensch, wie kannst du Augen haben?
- Augen - Augen? -« Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine
Wettergläser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und
holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. - »Nu
- Nu - Brill - Brill auf der Nas su setze, das sein meine Oke - sköne
Oke!« - Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, daß
es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann.
Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum
Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer
mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen
flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in
Nathanaels Brust. Übermannt von tollem Entsetzen schrie er auf.- »Halt
ein! halt ein, fürchterlicher Mensch!« - Er hatte Coppola, der eben
in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet
schon der ganze Tisch überdeckt war, beim Arm festgepackt. Coppola
machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten:
»Ah! - nix für Sie - aber hier sköne Glas« - hatte er alle Brillen
zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine
Menge großer und kleiner Perspektive hervorgeholt. Sowie die Brillen
fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah
er wohl ein, daß der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern
hervorgegangen, sowie daß Coppola ein höchst ehrlicher Mechanikus
und Optikus, keineswegs aber Coppelii verfluchter Doppeltgänger und
Revenant sein könne. Zudem hatten alle Gläser, die Coppola nun auf
den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas
Gespenstisches wie die Brillen und, um alles wieder gutzumachen,
beschloß Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er
ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und
sah, um es zu prüfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein
Glas vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich
dicht vor die Augen rückte. Unwillkürlich sah er hinein in Spalanzanis
Zimmer; Olimpia saß, wie gewöhnlich, vor dem kleinen Tisch, die Arme
darauf gelegt, die Hände gefaltet. - Nun erschaute Nathanael erst
Olimpias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar
seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch
das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte
Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft
entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.
Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die
himmlisch-schöne Olimpia betrachtend. Ein Räuspern und Scharren weckte
ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: »Tre Zechini -
drei Dukat« - Nathanael hatte den Optikus rein vergessen, rasch zahlte
er das Verlangte. »Nick so? - sköne Glas - sköne Glas!« frug Coppola
mit seiner widerwärtigen heisern Stimme und dem hämischen Lächeln. »Ja
ja, ja!« erwiderte Nathanael verdrießlich. »Adieu, lieber Freund!« -
Coppola verließ nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael,
das Zimmer. Er hörte ihn auf der Treppe laut lachen. »Nun ja«, meinte
Nathanael, »er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv
gewiß viel zu teuer bezahlt habe - zu teuer bezahlt!« - Indem er
diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer
grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer
Angst. - Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl.
»Clara«, sprach er zu sich selber, »hat wohl recht, daß sie mich für
einen abgeschmackten Geisterseher hält; aber närrisch ist es doch -
ach wohl mehr, als närrisch, daß mich der dumme Gedanke, ich hätte das
Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ängstigt;
den Grund davon sehe ich gar nicht ein.« - Jetzt setzte er sich
hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster
überzeugte ihn, daß Olimpia noch dasäße und im Augenblick, wie von
unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas
Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verführerischem Anblick,
bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem
Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhängnisvollen Zimmer war
dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebensowenig hier, als die beiden
folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er
kaum das Fenster verließ und fortwährend durch Coppolas Perspektiv
hinüberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhängt.
Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glühendem Verlangen
lief er hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in
den Lüften und trat aus dem Gebüsch, und guckte ihn an mit großen
strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus
seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz
laut und weinerlich: »Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist
du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und
mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?«

Als er zurückkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis
Hause ein geräuschvolles Treiben gewahr. Die Türen standen offen,
man trug allerlei Geräte hinein, die Fenster des ersten Stocks
waren ausgehoben, geschäftige Mägde kehrten und stäubten mit großen
Haarbesen hin- und herfahrend, inwendig klopften und hämmerten
Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der
Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: »Nun, was
sagst du zu unserem alten Spalanzani?« Nathanael versicherte, daß er
gar nichts sagen könne, da er durchaus nichts vom Professor wisse,
vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen düstern
Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er
denn von Siegmund, daß Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle,
Konzert und Ball, und daß die halbe Universität eingeladen sei.
Allgemein verbreite man, daß Spalanzani seine Tochter Olimpia, die
er so lange jedem menschlichen Auge recht ängstlich entzogen, zum
erstenmal erscheinen lassen werde.

Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen
zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in
den geschmückten Sälen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft
war zahlreich und glänzend. Olimpia erschien sehr reich und
geschmackvoll gekleidet. Man mußte ihr schöngeformtes Gesicht,
ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rücken, die
wespenartige Dünne des Leibes schien von zu starkem Einschnüren
bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes
und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange
zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia
spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine
Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor.
Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und
konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Züge nicht ganz erkennen.
Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin
nach der schönen Olimpia. Ach! - da wurde er gewahr, wie sie voll
Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in
dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen
Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe
verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange
Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von
glühenden Ärmen plötzlich erfaßt sich nicht mehr halten, er mußte vor
Schmerz und Entzücken laut aufschreien: »Olimpia!« - Alle sahen sich
um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein
finstreres Gesicht, als vorher und sagte bloß: »Nun nun!« - Das
Konzert war zu Ende, der Ball fing an. »Mit ihr zu tanzen! - mit ihr!«
das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wünsche, alles Strebens;
aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Königin des Festes,
aufzufordern? Doch! - er selbst wußte nicht wie es geschah, daß er,
als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olimpia stand, die noch
nicht aufgefordert worden, und daß er, kaum vermögend einige Worte zu
stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich
durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das
strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick
war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und
des Lebensblutes Ströme zu glühen. Und auch in Nathanaels Innerm
glühte höher auf die Liebeslust, er umschlang die schöne Olimpia und
durchflog mit ihr die Reihen. - Er glaubte sonst recht taktmäßig
getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit,
womit Olimpia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung
brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte
jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und hätte jeden, der
sich Olimpia näherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden mögen.
Doch nur zweimal geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf
Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder
sie aufzuziehen. Hätte Nathanael außer der schönen Olimpia noch etwas
andres zu sehen vermocht, so wäre allerlei fataler Zank und Streit
unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, mühsam
unterdrückte Gelächter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den
jungen Leuten erhob, auf die schöne Olimpia, die sie mit ganz kuriosen
Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz
und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle
ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben Olimpia, ihre Hand in
der seinigen und sprach hochentflammt und begeistert von seiner Liebe
in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese
vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal
übers andere: »Ach - Ach - Ach!« - worauf denn Nathanael also sprach:
»O du herrliche, himmlische Frau! - du Strahl aus dem verheißenen
Jenseits der Liebe - du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein
spiegelt« und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte bloß immer
wieder: »Ach, Ach!« - Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den
Glücklichen vorüber und lächelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem
Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt
befand, mit einemmal, als würd es hienieden beim Professor Spalanzani
merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht
geringen Schreck gewahr, daß eben die zwei letzten Lichter in dem
leeren Saal herniederbrennen und ausgehen wollten. Längst hatten Musik
und Tanz aufgehört. »Trennung, Trennung«, schrie er ganz wild und
verzweifelt, er küßte Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde,
eiskalte Lippen begegneten seinen glühenden! - So wie, als er Olimpias
kalte Hand berührte, fühlte er sich von innerem Grausen erfaßt, die
Legende von der toten Braut ging ihm plötzlich durch den Sinn; aber
fest hatte ihn Olimpia an sich gedrückt, und in dem Kuß schienen die
Lippen zum Leben zu erwarmen. - Der Professor Spalanzani schritt
langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wieder
und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein
grauliches gespenstisches Ansehen. »Liebst du mich - liebst du mich
Olimpia? - Nur dies Wort! - Liebst du mich?« So flüsterte Nathanael,
aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: »Ach - Ach!« - »Ja
du mein holder, herrlicher Liebesstern«, sprach Nathanael, »bist
mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklären mein Inneres
immerdar!« - »Ach, ach!« replizierte Olimpia fortschreitend.
Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. »Sie haben sich
außerordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten«, sprach dieser
lächelnd: »Nun, nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack
daran, mit dem blöden Mädchen zu konvergieren, so sollen mir Ihre
Besuche willkommen sein.« - Einen ganzen hellen strahlenden Himmel
in der Brust schied Nathanael von dannen. Spalanzanis Fest war der
Gegenstand des Gesprächs in den folgenden Tagen. Unerachtet der
Professor alles getan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wußten
doch die lustigen Köpfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem
zu erzählen, das sich begeben, und vorzüglich fiel man über die
todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres schönen Äußern
unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden
wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael
vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte
er, würde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, daß eben ihr
eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpias tiefes herrliches Gemüt zu
erkennen hindert? »Tu mir den Gefallen, Bruder«, sprach eines Tages
Siegmund, »tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheuten Kerl
möglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drüben zu
vergaffen?« Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann
er sich und erwiderte: »Sage _du_ mir Siegmund, wie deinem, sonst
alles Schöne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias
himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank
sei es dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst müßte
einer von uns blutend fallen.« Siegmund merkte wohl, wie es mit dem
Freunde stand, lenkte geschickt ein, und fügte, nachdem er geäußert,
daß in der Liebe niemals über den Gegenstand zu richten sei, hinzu:
»Wunderlich ist es doch, daß viele von uns über Olimpia ziemlich
gleich urteilen. Sie ist uns - nimm es nicht übel, Bruder! - auf
seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist
regelmäßig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! - Sie könnte für schön
gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte
sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede
Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt.
Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der
singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz
unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben,
es war uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe
es mit ihr eine eigne Bewandtnis.« - Nathanael gab sich dem bittern
Gefühl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus
nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloß sehr ernst:
»Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia