deutsche dichter de

Jenny

Ich bin nun fünfunddreißig Jah'r alt,
Und du bist fünfzehnjährig kaum…
O Jenny, wenn ich dich betrachte,
Erwacht in mir der alte Traum!

Im Jahre achtzehnhundertsiebzehn
Sah ich ein Mädchen, wunderbar
Dir ähnlich an Gestalt und Wesen,
Auch trug sie ganz wie du das Haar.

Ich geh' auf Universitäten,
Sprach ich zu ihr, ich komm zurück
In kurzer Zeit, erwarte meiner. -
Sie sprach: " Du bist mein einz'ges Glück."

Drei Jahre schon hatt' ich Pandekten
Studiert, als ich am ersten Mai
Zu Göttingen die Nachricht hörte,
Daß meine Braut vermählet sei.

Es war am ersten Mai! Der Frühling
Zog lachend grün durch Berg und Tal,
Die Vögel sangen, und es freute
Sich jeder Wurm im Sonnenstrahl.

Ich aber wurde blaß und kränklich,
Und meine Kräfte nahmen ab;
Der liebe Gott nur kann es wissen
Was ich des Nachts gelitten hab'.

Doch ich genas. Meine Gesundheit
Ist jetzt so stark wie'n Eichenbaum…
O Jenny, wenn ich dich betrachte,
Erwacht in mir der alte Traum!