deutsche dichter de

Stanzen

<p>Im ersten Herbst von meinen Lebensjahren, <br />
Nachdem mich mancher schwere Tag gedr&uuml;ckt, <br />
Nachdem ich beiderlei Geschick erfahren, <br />
Das eigne Schuld und fremdes Gl&uuml;ck uns schickt, <br />
Auch mancherlei Gespenst des Wunderbaren <br />
Und manche Lieb' und Huldgestalt erblickt, <br />
Rief eine Stimme mich, jenseit der H&ouml;hen <br />
Das Land der Abenteu'r und Kunst zu sehen. <br />
<br />
&raquo;Lebt,&laquo; sprach ich, &raquo;lebet wohl, Ihr, meine Freude, <br />
Mein Trost und meiner W&uuml;nsche kleine Schaar, <br />
Ihr, deren Anblick mir in manchem Leide <br />
Ein Nektartropfe vom Olympus war; <br />
Und Du, an der ich meine Seele weide, <br />
Die mir mich selbst, die mir mein Gl&uuml;ck gebar - <br />
Lebt Alle wohl und la&szlig;t mich jetzt verschwinden, <br />
Bald neu verj&uuml;ngt Euch freudig wiederfinden!&laquo; <br />
<br />
&raquo;Leb wohl,&laquo; so sprach mit Schluchzen und mit Weinen <br />
Gro&szlig;m&uuml;thig Ariadne, &raquo;lebe wohl!&laquo; <br />
Und schlang den Arm um mich und unsre Kleinen; <br />
Noch h&ouml;r' ich es, wie ihre Stimme scholl, <br />
Noch seh' ich mir ihr liebes Bild erscheinen, <br />
Die H&auml;nde ringend, rufend: &raquo;Lebe wohl!&laquo; <br />
Und bin gewi&szlig;, so lang' der Ton mich leitet, <br />
Da&szlig; nie mein Schritt, nie meine Hoffnung gleitet. <br />
<br />
Ich schied; und &uuml;ber Nebel, Berg' und Thale <br />
Zog mich der Weg ins sch&ouml;ne Frankenland, <br />
Wo ich bei manchem alten Ehrenmale <br />
Der deutschen Kunst auch deutsche Sitten fand <br />
Und, wie vor&uuml;bergleitend mit dem Strahle <br />
Der Sonne, manches gute Herz gekannt. <br />
So glitt ich sanft hinab, und mit Vergn&uuml;gen <br />
Sah ich im Geist die Alpen vor mir liegen. <br />
<br />
Ach! aber da umfing in Augsburg's Mauern <br />
Mich welch ein b&ouml;ser, f&uuml;rchterlicher Traum! <br />
Schreckbilder sah ich vor mir, um mich lauern; <br />
Ich sah und traute meinen Augen kaum. <br />
&raquo;Was hilft Dir,&laquo; sprach ich, &raquo;Deine Angst, Dein Trauern? <br />
Gieb Deinem Herzen, Deinen Blicken Raum!&laquo; <br />
Und sieh, da kam, von Westen hergetragen, <br />
Pandora an auf Epimetheus' Wagen. <br />
<br />
&raquo;Ich komme nicht um mich, nur Eurethalben; <br />
Versch&ouml;nen will ich Euer Wandeln Euch.&laquo; <br />
So sprach sie, duftend ihrer B&uuml;chse Salben, <br />
Als &ouml;ffnete sie uns Cytherens Reich. <br />
&raquo;Uns werden Rosen bl&uuml;hn; die welken, fallen, <br />
Verwandeln sich vor uns in Kn&ouml;spchen gleich.&laquo; <br />
So sprach sie; aber ach, Ihr guten Stunden, <br />
Ihr waret mir, mir war mein Gl&uuml;ck verschwunden! <br />
<br />
Wie zog ich mich auf grauer Alpen R&uuml;cken, <br />
Beschwert im Herzen, m&uuml;hsam auf und ab! <br />
Jedweder Fels schien &auml;chzend mich zu dr&uuml;cken, <br />
Jedwedes Thal schien meiner W&uuml;nsche Grab; <br />
Und als mit neuem, wonnigem Entz&uuml;cken <br />
Verona seinen Schoo&szlig; dem Blicke gab, <br />
Da sprach zu mir, nie werd' ich es vergessen, <br />
Ein Geist herab vom Gipfel der Cypressen. <br />
<br />
Ich stand, der Abendsonne mich zu freuen, <br />
Und &uuml;bersah die weite Lombardei. <br />
&raquo;Woher,&laquo; sprach ich, &raquo;o Geist, dies Mi&szlig;gedeihen <br />
Schuldloser W&uuml;nsche? sprich, woher es sei?&laquo; <br />
&raquo;Die alte Schuld unwahrer Buhlereien!&laquo; <br />
So sprach der Geist und rauschte sanft vorbei. <br />
&raquo;Statt jetzt dies Land in Friede zu genie&szlig;en, <br />
Kommst Du hieher, f&uuml;r alte Schuld zu b&uuml;&szlig;en. <br />
<br />
Verw&ouml;hnt von Deinen nur zu milden Sternen, <br />
Schien Dir zu arm des Lebens reichstes Gl&uuml;ck. <br />
Was Du genossen, sollst Du kennen lernen; <br />
Denn nur im Darben sieht der Thor zur&uuml;ck. <br />
Drum hie&szlig; von Deinen Lieben Dich entfernen <br />
Dein g&uuml;nstiges, Dein besserndes Geschick. <br />
Du sollst, um Deine Weisheit neu zu &uuml;ben, <br />
Jetzt <em>Bilder </em>sehn und <em>Menschen </em>lernen lieben. <br />
<br />
Nie hast Du im Ger&auml;usch der Welt den Frieden <br />
Des eignen Herzens sittsam Dir bewahrt, <br />
Nie zwischen Mensch und Menschen unterschieden, <br />
Nie eingesehn, was f&uuml;r ein Gl&uuml;ck Dir ward, <br />
Es zu betr&uuml;ben, nie genug vermieden, <br />
Es zu genie&szlig;en, nie genug gespart; <br />
Daf&uuml;r den treusten Herzen jetzt entnommen, <br />
Bist Du hieher ins Land der K&uuml;nste kommen.&laquo; <br />
<br />
Er sprach's; und ach, wie wahr hast Du gesprochen, <br />
Geist der Cypresse, wie so grausam wahr! <br />
Ihr guten Herzen seid genug gerochen; <br />
Ich sehe mich und Euch so hell und klar. <br />
Was th&auml;tig und unth&auml;tig ich verbrochen, <br />
Macht jeder Schritt mir kund und offenbar. <br />
Ich seh', ich mu&szlig;te mich von Euch entfernen <br />
Und durch Verlust des Lebens Weisheit lernen. <br />
<br />
Dank also Euch, Ihr g&ouml;ttlichen Medusen, <br />
Die mich gelehrt, da&szlig; Ihr Medusen seid! <br />
Dank Euch, Ihr todten K&uuml;nste, kalte Musen, <br />
Zerfallne Mauern, Grab der Eitelkeit! <br />
Wenn je dem falschen, je dem Marmorbusen <br />
Statt wahrer Herzen Weihrauch ich gestreut, <br />
So nehmt von mir den letzten Zoll hienieden, <br />
Der Reue Zoll, und la&szlig;t mich ziehn in Frieden! <br />
<br />
Auch Euch, Ihr der Natur erhabne Scenen, <br />
Gebirge, Felsen, Ebnen, Ufer, Meer, <br />
Du Meer von Adria und Ihr Sirenen <br />
Parthenope's, Ihr Inseln um sie her, <br />
Dank Euch, da&szlig;, mit mir selbst mich zu vers&ouml;hnen, <br />
Ihr meine Brust von Seufzern machtet schwer! <br />
Mit unschuldsvollem, liebeszartem Sehnen <br />
Weiht' ich, der Menschheit froh, Euch stille Thr&auml;nen. <br />
<br />
Und Ihr erquicktet mich, als in Verona <br />
Die Sonne nieder, als sie aufw&auml;rts stieg <br />
In Rimini, und ich dann in Ancona <br />
Mich mit dem Meer verm&auml;hlete und schwieg; <br />
Mit Dir verm&auml;hlt' ich mich, o Dea Bona, <br />
Du gute G&ouml;ttin, mit der Hoffnung Sieg, <br />
Und wie die Sonne war ich liebestrunken <br />
Aus Deinem Arm in Deinen Schoo&szlig; gesunken. <br />
<br />
O gute G&ouml;ttin, darf ich, darf ich nennen <br />
Den heil'gen Namen? Nenn' ich Dich Natur? <br />
Nenn' ich Dich Liebe? Ach, nur Dich zu kennen, <br />
Irr' ich umher auf alles Wissens Spur. <br />
Und doch, um reiner Flamm' in Dir zu brennen, <br />
Bedarf ich reiner Lieb' und Weisheit nur. <br />
Nicht Kunst, nicht Wissenschaft: die Kunst des Lebens <br />
Ist Wissenschaft; sonst ist die Kunst vergebens. <br />
<br />
Du, G&ouml;ttin, wei&szlig;t, da&szlig; ich an jedem Bilde <br />
Des sch&ouml;nsten Marmors Dich, nur Dich gelernt, <br />
Da&szlig; Du, so freundlich und mit Weisheit milde, <br />
Durchs Sch&ouml;ne mir nur den Betrug entfernt. <br />
Dann schlich ich mich in andere Gefilde, <br />
Als die man mit Palett' und Mei&szlig;el lernt - <br />
Ich lernt' an Eurem Knie, an Eurem Busen <br />
Nichts als <em>Humanit&auml;t, </em>erhabne Musen. <br />
<br />
Und sah sie in den g&ouml;ttlichsten Gestalten, <br />
Sah Weisheit, G&uuml;te, Macht als Menschenbild, <br />
Sah jeder Sch&ouml;nheit Knospe sich entfalten, <br />
Sah jede Art in Menschenform geh&uuml;llt; <br />
Sah Kr&auml;fte sprossen, wachsen und veralten <br />
Und jeden Zweig von <em>seinem </em>Saft erf&uuml;llt, <br />
Sah hier das Licht aufgehen, steigen, schwinden <br />
Und lernte stets die Menschheit wiederfinden. <br />
<br />
Daneben sah ich - darf ich Dich auch nennen, <br />
Du inhumanes, alt- und neues Rom? <br />
Doch wer wird Dich im Namen nicht schon kennen, <br />
Du Capitol und Du St. Peter's Dom? <br />
Du Pfuhl, aus dem, die Erde zu verbrennen, <br />
Ausging ein alter und ein neuer Strom, <br />
Von Kriegern einst bewohnt und Senatoren, <br />
Von Pfaffen jetzt bewohnt und Monsignoren. <br />
<br />
Ich lernte Dich und Deiner theuren Prinzen <br />
Und Deiner Prinzessinnen sch&ouml;nes Heer, <br />
Die W&uuml;sten Deiner darbenden Provinzen <br />
Und Deiner Wissenschaften todtes Meer; <br />
Die Weisheit lernt' ich sehn mit Augen blinzen, <br />
Die Andacht sehn, von altem Taumel schwer, <br />
Die Heuchelei mit stolzen Sklavenmienen, <br />
Den Knecht der Knechte, dem die V&ouml;lker dienen. <br />
<br />
O da&szlig; mir einst, dies Alles zu verk&uuml;nden, <br />
Der Erdengenius sein Buch verlieh', <br />
Da&szlig; ich, wie Geister allgemach erblinden <br />
Und Heilige erkranken wie ein Vieh, <br />
Da&szlig; ich das gro&szlig;e Buch der Menschens&uuml;nden <br />
Entwickeln k&ouml;nnt' mit seinem Wann und Wie: <br />
Vom ganzen Heer Castraten-Nachtigallen <br />
Sollt' <em>Ave! Amen! </em>in die Lieder schallen. <br />
<br />
Jedoch, mein Geist, wohin schwingst Du die Fl&uuml;gel <br />
Und moderst noch in dieser Todesgruft? <br />
Erst &uuml;ber Str&ouml;m' und W&uuml;sten, Berg' und H&uuml;gel, <br />
Bis Dich ein neuer mildrer Athem ruft; <br />
Dann f&uuml;hle froh der Gottheit gro&szlig;es Siegel, <br />
Dann schweb entz&uuml;ckt im holden Fr&uuml;hlingsduft, <br />
Und dann la&szlig;, s&uuml;&szlig; umarmt von allen Deinen, <br />
Was in Dir gl&auml;nzt, auch Andern widerscheinen!</p>