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Nachts schlafen die Ratten doch

<p>Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer g&auml;hnte blaurot voll fr&uuml;her  Abendsonne. Staubgew&ouml;lke flimmerten zwischen den steilgereckten  Schornsteinresten. Die Schuttw&uuml;ste d&ouml;ste.  <br />
Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er  merkte, da&szlig; jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise.  Jetzt haben sie mich! Dachte er. Aber als er ein bi&szlig;chen blinzelte, sah  er nur zwei etwas &auml;rmlich behoste Beine. Die standen ziemlich krumm vor  ihm, da&szlig; er zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Er riskierte ein  kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen &auml;lteren  Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in der Hand. Und etwas Erde an  den Fingerspitzen.      <br />
Du schl&auml;fst hier wohl, was? fragte der Mann und sah von oben auf  das Haargestr&uuml;pp herunter. J&uuml;rgen blinzelte zwischen den Beinen des  Mannes hindurch in die Sonne und sagte: Nein, ich schlafe nicht. Ich mu&szlig;  hier aufpassen. Der Mann nickte: So, daf&uuml;r hast du wohl den gro&szlig;en  Stock da? Ja, antwortete J&uuml;rgen mutig und hielt den Stock fest.  <br />
Worauf pa&szlig;t du denn auf?  <br />
Das kann ich nicht sagen. Er hielt die H&auml;nde fest um den Stock. Wohl  auf Geld, was? Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer an  seinem Hosenboden hin und her.  <br />
Nein, auf Geld &uuml;berhaupt nicht, sagte J&uuml;rgen ver&auml;chtlich.  <br />
Auf ganz etwas anderes.  <br />
Na, was denn?  <br />
Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.  <br />
Na, denn nicht. Dann sage ich dir nat&uuml;rlich auch nicht, was ich hier  im Korb habe. Der Mann stie&szlig; mit dem Fu&szlig; an den Korb und klappte das  Messer zu.  <br />
Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist, meinte J&uuml;rgen geringsch&auml;tzig; Kaninchenfutter.  <br />
Donnerwetter, ja! sagte der Mann verwundert; bist ja ein fixer Kerl. Wie alt bist du denn?  <br />
Neun.  <br />
Oha, denk mal an, neun also. Dann wei&szlig;t du ja auch, wieviel drei mal neun sind, wie? <br />
<br />
Klar, sagte J&uuml;rgen, und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: Das ist ja  ganz leicht. Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. Dreimal  neun, nicht? fragte er noch mal, siebenundzwanzig. Das wu&szlig;te ich gleich.   <br />
Stimmt, sagte der Mann, und genau soviel Kaninchen habe ich.  <br />
J&uuml;rgen machte einen runden Mund: Siebenundzwanzig?  <br />
Du kannst sie sehen. Viele sind noch ganz jung. Willst du?  <br />
Ich kann doch nicht. Ich mu&szlig; doch aufpassen, sagte J&uuml;rgen unsicher.  <br />
Immerzu? fragte der mann, nachts auch?  <br />
Nachts auch. Immerzu. Immer. J&uuml;rgen sah an den krummen Beinen hoch. Seit Sonnabend schon, fl&uuml;sterte er.  <br />
Aber gehst du denn gar nicht nach Hause? Du mu&szlig;t doch essen.  <br />
J&uuml;rgen hob einen Stein hoch. Da lag ein halbes Brot. Und eine Blechschachtel.  <br />
Dur rauchst? fragte der Mann, hast du denn eine Pfeife?  <br />
J&uuml;rgen fa&szlig;te seinen Stock fest an und sagte zaghaft: Ich drehe. Pfeife mag ich nicht.  <br />
Schade, der Mann b&uuml;ckte sich zu seinem Korb, die Kaninchen h&auml;ttest  du ruhig mal ansehen k&ouml;nnen. Vor allem die Jungen. Vielleicht h&auml;ttest du  dir eines ausgesucht. Aber du kannst hier ja nicht weg.  <br />
Nein, sagte J&uuml;rgen traurig, nein nein.  <br />
Der Mann nahm den Korb hoch und richtete sich auf. Na ja, wenn du  hierbleiben mu&szlig;t - schade. Und er drehte sich um. Wenn du mich nicht  verr&auml;tst, sagte J&uuml;rgen da schnell, es ist wegen der Ratten.  <br />
Die krummen Beine kamen einen Schritt zur&uuml;ck: Wegen der Ratten?  <br />
Ja, die essen doch von den Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von.  <br />
Wer sagt das?  <br />
Unser Lehrer.  <br />
Und du pa&szlig;t nun auf die Ratten auf? fragte der Mann.  <br />
Auf die doch nicht! Und dann sagte er ganz leise. Mein Bruder, der  liegt n&auml;mlich da unten. Da. J&uuml;rgen zeigte mit dem Stock auf die  zusammengesackten Mauern. Unser Haus kriegte eine Bombe. Mit einmal war  das Licht weg im Keller. Und er auch. Wir haben noch gerufen. ER war  viel kleiner als ich. Erst vier. Es mu&szlig; hier ja noch sein. Er ist doch  viel kleiner als ich.  <br />
Der Mann sah von oben auf das Haargestr&uuml;pp. Aber dann sagte er  pl&ouml;tzlich: Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt da&szlig; die Ratten  nachts schlafen? <br />
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Nein, fl&uuml;sterte J&uuml;rgen und sah mit einmal ganz m&uuml;de aus, das hat er nicht gesagt.   <br />
Na, sagte der mann, das ist aber ein Lehrer, wenn er das nicht  mal wei&szlig;. Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach  Hause gehen. Nachts schlafen sie immer. Wenn es dunkel wird, schon.   <br />
J&uuml;rgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen in den Schutt.  Lauter kleine Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten. Da sagte  der mann (und seine krummen Beine waren ganz unruhig dabei): Wei&szlig;t du  was? Jetzt f&uuml;ttere ich schnell meine Kaninchen, und wenn es dunkel wird,  hole ich dich ab. Vielleicht kann ich eins mitbringen. Ein kleines  oder, was meinst du?   <br />
J&uuml;rgen machte kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine  Kaninchen. Wei&szlig;e, graue, wei&szlig;graue. Ich wei&szlig; nicht, sagte er leise und  sah auf die krummen Beine, wenn sie wirklich nachts schlafen. <br />
Der Mann stieg &uuml;ber die Mauerreste weg auf die Stra&szlig;e. Nat&uuml;rlich,  sagte er von da, euer Lehrer soll einpacken, wenn er das nicht mal wei&szlig;. <br />
Da stand J&uuml;rgen auf und fragte: Wenn ich eins kriegen kann? Ein wei&szlig;es vielleicht?   <br />
Ich will mal versuchen, rief der Mann schon im Weggehen, aber du  mu&szlig;t hier so lange warten. Ich gehe dann mit dir nach Hause, wei&szlig;t du?  Ich mu&szlig; deinem Vater doch sagen, wie so ein Kaninchenstall gebaut wird.  Denn das m&uuml;&szlig;t ihr ja wissen.   <br />
Ja, rief J&uuml;rgen, ich warte. Ich mu&szlig; ja noch aufpassen, bis es  dunkel wird. Ich warte bestimmt. Und er rief: Wir haben auch noch  Bretter zu Hause Kistenbretter, rief er.   <br />
Aber das h&ouml;rte der Mann schon nicht mehr. Er lief mit seinen  krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend und J&uuml;rgen  konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurchschien, so krumm waren  sie. Und der Korb schwankte aufgeregt hin und her. Kaninchenfutter war  da drin. Gr&uuml;nes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.</p>