deutsche dichter de

Das Holz für morgen

<p>Er machte die Etagent&uuml;r hinter sich zu. Er machte sie leise und ohne  viel Aufhebens hinter sich zu. obgleich er sich das Leben nehmen wollte.  Das Leben, das er nicht verstand und in dem er nicht verstanden wurde.  Er wurde nicht von denen verstanden, die er liebte. Und gerade das hielt  er nicht aus, dieses Aneinandervorbeisein mit denen, die er liebte.  <br />
Aber es war noch mehr da, das so gro&szlig; wurde, da&szlig; es alles &uuml;berwuchs, und das sich nicht wegschieben lassen wollte. <br />
<br />
Das war, da&szlig; er nachts weinen konnte, ohne da&szlig; die, die er liebte,  ihn h&ouml;rten. Das war, da&szlig; er sah, da&szlig; seine Mutter, die er liebte, &auml;lter  wurde und da&szlig; er das sah. Das war, da&szlig; er mit den anderen im Zimmer  sitzen konnte, mit ihnen lachen konnte und dabei einsamer war als je.  Das war, da&szlig; die anderen es nicht schie&szlig;en h&ouml;rten, wenn er es h&ouml;rte. Da&szlig;  sie das nie h&ouml;ren wollten. Das war dieses Aneinandervorbeisein mit  denen, die er liebte, das er nicht aushielt.  <br />
Nun stand er im Treppenhaus und wollte zum Boden hinaufgehen und  sich das Leben nehmen. ER hatte die ganze Nacht &uuml;berlegt, wie er das  machen wollte, und er war zu dem Entschlu&szlig; gekommen, da&szlig; er vor allem  auf den Boden hinaufgehen m&uuml;sse, denn da w&auml;re man allein und das war die  Vorbedingung f&uuml;r alles andere. Zum Erschie&szlig;en hatte er nichts und  Vergiften war ihm zu unsicher. Keine Blamage w&auml;re gr&ouml;&szlig;er gewesen, als  dann mit Hilfe eines Arztes wieder in das Leben zur&uuml;ckzukommen, und die  vorwurfsvollen mitleidigen Gesichter der anderen, die so voll Liebe und  Angst f&uuml;r ihn waren, ertragen zu m&uuml;ssen. Und sich ertr&auml;nken, das fand er  zu pathetisch, und sich aus dem Fenster st&uuml;rzen, das fand er zu  aufgeregt. Nein, das beste w&uuml;rde es sein, man ginge auf den Boden. Da  war man allein. Da war es still. Da war alles ganz unauff&auml;llig und ohne  viel Aufhebens. Und da waren vor allem die Querbalken vom Dachstuhl. Und  der W&auml;schekorb mit der Leine.  <br />
Als er die Etagent&uuml;r leise hinter sich zugezogen hatte, fa&szlig;te er  ohne zu z&ouml;gern nach dem Treppengel&auml;nder und ging langsam nach oben. Das  kegelf&ouml;rmige Glasdach &uuml;ber dem Treppenhaus, das von ganz feinem  Maschendraht wie von Spinngewebe durchzogen war, lie&szlig; einen blassen  Himmel hindurch, der hier obern dicht unter dem Dach am hellsten war.  <br />
Fest umfa&szlig;te er das saubere hellbraune Treppengel&auml;nder und ging  leise und ohne viel Aufhebens nach oben. Da entdeckte er auf dem  Treppengel&auml;nder einen breiten wei&szlig;en Strich, der vielleicht auch etwas  gelblich sein konnte. Er blieb stehen und f&uuml;hlte mit dem Finger dar&uuml;ber,  dreimal, viermal. Dann sah er zur&uuml;ck. Der wei&szlig;e Strick ging auf dem  ganzen Gel&auml;nder entlang. Er beugte sich etwas vor. Ja, man konnte ihn  bis tief in die dunkleren Stockwerke nach untern verfolgen. Dort wurde  er ebenfalls br&auml;unlicher, aber er blieb doch einen ganzen Farbton heller  als das Holz des Gel&auml;nders. Er lie&szlig; seinen Finger ein paarmal auf dem  wei&szlig;en Strich entlangfahren, dann sagte er pl&ouml;tzlich: Das hab ich ja  ganz vergessen.  <br />
Er setzte sich auf die Treppe. Und jetzt wollte ich mir das Leben  nehmen und hatte das beinahe vergessen. Dabei war ich es doch. Mit der  kleinen Feile, die Karlheinz geh&ouml;rte. Die habe ich in die Faust genommen  und dann bin ich in vollem Tempo die Treppe runtergesaust und habe  dabei die Feile tief in das weiche Gel&auml;nder gedr&uuml;ckt. In den Kurven habe  ich besonders stark gedr&uuml;ckt, um zu bremsen. Als ich unten war, ging  &uuml;ber das Treppengel&auml;nder vom Boden bis zum Erdgescho&szlig; eine tiefe, tiefe  Rille. Das war ich. Abends wurden alle Kinder verh&ouml;rt. Die beiden  M&auml;dchen unter uns, Karlheinz und ich. Und der nebenan. Die Hauswirtin  sagte, das w&uuml;rde mindestens vierzig Mark kosten. Aber unsere Eltern  wu&szlig;ten sofort, da&szlig; es von uns keiner gewesen war. Dazu geh&ouml;rte ein ganz  scharfer Gegenstand, und den hatte keiner von uns, das wu&szlig;ten sie genau.  Au&szlig;erdem verschandelte doch kein Kind das Treppengel&auml;nder in seinem  eigenen Haus. Und dabei war ich es. Ich mit der kleinen spitzen Feile.  Als keiner von den Familien die vierzig Mark f&uuml;r die Reparatur des  Treppengel&auml;nders bezahlen wollte, schrieb die Hauswirtin auf die n&auml;chste  Mieterrechnung je Haushalt f&uuml;nf Mark mehr drauf f&uuml;r  Instandsetzungskosten des stark demolierten Treppenhauses. F&uuml;r dieses  Geld wurde dann gleich das ganze Treppenhaus mit Linoleum ausgelegt. Und  Frau Daus bekam ihren Handschuh ersetzt, den sie sich an dem  aufgesplitterten Gel&auml;nder zerrissen hatte. Ein Handwerker kam, hobelte  die R&auml;nder der Rille glatt und schmierte sie dann mit Kitt aus. Vom  Boden bis zum Erdgescho&szlig;. Und ich, ich war es. Und jetzt wollte ich mir  das Leben nehmen und hatte das beinahe vergessen.  <br />
Er setzte sich auf die Treppe und nahm einen Zettel. Das mit dem  Treppengel&auml;nder war ich, schrieb er da drauf. Und dann schrieb er oben  dar&uuml;ber: An Frau Kaufmann, Hauswirtin. Er nahm das ganze Geld aus seiner  Tasche, es waren zweiundzwanzig Mark, und faltete den Zettel da herum.  Er steckte ihn oben in die kleine Brusttasche. Da finden sie ihn  bestimmt, dachte er, da m&uuml;ssen sie ihn ja finden. Und er verga&szlig; ganz,  da&szlig; sich keiner mehr daran erinnern w&uuml;rde. Er verga&szlig;, da&szlig; es schon elf  Jahr her war, das verga&szlig; er. Er stand auf, die Stufe knarrte ein wenig.  Er wollte jetzt auf den Boden gehen.  <br />
Er hatte das mit dem Treppengel&auml;nder erledigt und konnte jetzt nach  oben gehen. Da wollte er sich noch einmal lauf sagen, da&szlig; er es nicht  mehr aushielte, das Aneinandervorbeisein mit denen, die er liebte, und  dann wollte er es tun. Dann w&uuml;rde er es tun. <br />
<br />
Unten ging eine T&uuml;r. Er h&ouml;rte, wie seine Mutter sagte: Und dann sag  ihr, sie soll das Seifenpulver nicht vergessen. Da&szlig; sie auf keinen Fall  das Seifenpulver vergi&szlig;t. Sag ihr, da&szlig; der Junge extra mit dem Wagen los  ist, um das Holz zu holen, damit wir morgen waschen k&ouml;nnen. Sag ihr,  das w&auml;re f&uuml;r Vater eine gro&szlig;e Erleichterung, da&szlig; er nicht mehr mit dem  Holzwagen los braucht und da&szlig; der Junge wieder da ist. Der Junge ist  extra los heute. Vater sagt, das wird Ihm Spa&szlig; machen. Das hat er die  ganzen Jahre nicht tun k&ouml;nnen. Nun kann er Holz holen. F&uuml;r uns. F&uuml;r  morgen zum Waschen. Sag ihr das, da&szlig; er extra mit dem Wagen los ist und  da&szlig; sie mir nicht das Seifenpulver vergi&szlig;t.  <br />
Er h&ouml;rte eine M&auml;dchenstimme antworten. Dann wurde die T&uuml;r zugemacht,  und das M&auml;dchen lief die Treppen hinunter. Er konnte ihre kleine  rutschende Hand das ganze Treppengel&auml;nder entlang bis unten verfolgen.  Dann h&ouml;rte er nur ihre Beine noch. Dann war es still. Man h&ouml;rte das  Ger&auml;usch, das die Stille machte. <br />
<br />
Er ging langsam die Treppe abw&auml;rts, langsam Stufe um Stufe abw&auml;rts.  Ich mu&szlig; das Holz holen, sagte er, nat&uuml;rlich, das hab ich ja ganz  vergessen. Ich mu&szlig; ja das Holz holen, f&uuml;r morgen.  <br />
Er ging immer schneller die Treppen hinunter und lie&szlig; seine Hand  dabei kurz hintereinander auf das Treppengel&auml;nder klatschen. Das Holz,  sagte er, ich mu&szlig; ja das Holz holen. F&uuml;r uns. F&uuml;r morgen. Und er sprang  die letzten Stufen mit gro&szlig;en S&auml;tzen abw&auml;rts. Ganz oben lie&szlig; das dicke  Glasdach einen blassen Himmel hindurch. Hier unten aber mu&szlig;ten die  Lampen brennen. Jeden Tag.  <br />
Alle Tage.</p>