deutsche dichter de

Mein bleicher Bruder

<p>Noch nie war etwas so wei&szlig; wie dieser Schnee. Er war beinah blau davon.  Blaugr&uuml;n. So f&uuml;rchterlich wei&szlig;. Die Sonne wagte kaum gelb zu sein von   diesem Schnee. Kein Sonntagmorgen war jemals so sauber gewesen wie  dieser. Nur hinten stand ein dunkelblauer Wald. Aber der Schnee war neu  und sauber wie ein Tierauge. Kein Schnee war jemals so wei&szlig; wie dieser  an diesem Sonntagmorgen. Kein Sonntagmorgen war jemals so sauber. Die  Welt, diese schneeige Sonntagswelt, lachte.  Aber irgendwo gab es dann  doch einen Fleck. Das war ein Mensch, der im Schnee lag, verkr&uuml;mmt,  b&auml;uchlings, uniformiert. Ein B&uuml;ndel Lumpen. <br />
Ein lumpiges B&uuml;ndel von H&auml;utchen und Kn&ouml;chelchen und Leder und Stoff.  Schwarzrot &uuml;berrieselt von angetrocknetem Blut. Sehr tote Haare,  per&uuml;ckenartig tot. Verkr&uuml;mmt den letzten Schrei in den Schnee geschrien,  gebellt oder gebetet vielleicht: Ein Soldat. Fleck in dem niegesehenen  Schneewei&szlig; der saubersten aller Sonntagmorgende. Stimmungsvolles  Kriegsgem&auml;lde, nuancenreich, verlockender Vorwurf f&uuml;r Aquarellfarben: <br />
Blut und Schnee und Sonne. Kalter kalter Schnee mit warmem dampfen-dem  Blut drin. Und &uuml;ber allem die liebe Sonne. Unsere liebe Sonne. Alle  Kinder auf der Welt sagen: die liebe, liebe Sonne. Und die beschneit  einen Toten, der den unerh&ouml;rten Schrei aller toten Marionetten schreit: <br />
Den stammen f&uuml;rchterlichen stummen Schrei. Wer unter uns, steh auf  bleicher Bruder, wer unter uns h&auml;lt die stummen Schreie der Mario-netten  aus, wenn sie von den Drahten abgerissen so bl&ouml;de verrenkt auf der  Buhne rumliegen? Wer, oh, wer unter uns ertr&auml;gt die stummen Schreie der  Toten? Nur der Schnee h&auml;lt das aus, der eisige. Und die Sonne. Unsere  liebe Sonne. <br />
Vor der abgerissenen Marionette stand eine, die noch intakt war. Noch  funktionierte. Vor dem toten Soldaten stand ein lebendiger. An diesem  sauberen Sonntagmorgen im niegesehenen wei&szlig;en Schnee hielt der Ste-hende  an den Liegenden folgende f&uuml;rchterlich stumme Rede: <br />
Ja. Ja ja. Ja ja ja. Jetzt ist es aus mit deiner guten Laune mein  lieber. Mit deiner ewigen guten Laune. Jetzt sagst du gar nichts mehr,  wie? Jetzt lachst du wohl nicht mehr, wie? Wenn deine Weiber das w&uuml;&szlig;ten,  wie erb&auml;rmlich du jetzt aussiehst, mein Lieber. Ganz erb&auml;rmlich siehst  du ohne deine gute Laune aus. Und in dieser bl&ouml;den Stellung. Warum hast  du denn die Beine so &auml;ngstlich an den Bauch rangezogen? Ach so, hast  einen in die Eingeweide gekriegt. Hast dich mit Blut besudelt. Sieht  unappetitlich aus, mein Lieber. Hast dir die ganze Uniform damit  bekleckert. Sieht aus wie schwarze Tintenflecke. Man gut, da&szlig; deine  Weiber das nicht sehn. Du hattest dich doch immer so mit deiner Uniform,  Sa&szlig; alles auf Taille. Als du Korporal wurdest, gingst du nur noch mit  Lackstiefletten. Und die wurden stundenlang gebohnert, wenn es abends in  die Stadt ging. Aber jetzt gehst du nicht mehr in die Stadt. Deine  Weiber lassen sich jetzt von den andern. Denn du gehst jetzt &uuml;berhaupt  nicht mehr, verstehst du? Nie mehr, mein Lieber. Nie nie mehr. Jetzt  lachst du auch nicht mehr mit deiner ewig guten Laune. Jetzt liegst du  da, als ob du nicht bis drei z&auml;hlen kannst. Kannst du auch nicht. Kannst  nicht mal mehr bis drei z&auml;hlen. Das ist d&uuml;nn, mein Lieber, &auml;u&szlig;erst  d&uuml;nn. Aber das ist gut so, sehr gut so. Denn du wirst nie mehr &laquo;Mein  bleicher Bruder H&auml;ngendes Lid&raquo; zu mir sagen. Jetzt nicht mehr, mein  Lieber. Von jetzt ab nicht mehr. Nie mehr, du. Und die andern werden  dich nie mehr daf&uuml;r feiern. Die andern werden nie mehr &uuml;ber mich lachen,  wenn da &laquo;Mein bleicher Bruder H&auml;ngendes Lid&raquo; zu mir sagst. Das ist viel  wert, wei&szlig;t du? Das ist eine ganze Masse wert f&uuml;r mich, das kann ich  dir sagen. <br />
Sie haben mich n&auml;mlich schon in der Schule gequ&auml;lt. Wie die L&auml;use haben  sie auf mir herumgesessen. Weil mein Auge den kleinen Defekt hat und  weil das Lid runterh&auml;ngt. Und weil meine Haut so wei&szlig; ist. So k&auml;sig.  Unser Bl&auml;&szlig;ling  sieht schon wieder so m&uuml;de aus, haben sie immer gesagt.  Und die M&auml;dchen haben immer gefragt, ob ich schon schliefe. Mein   eines  Auge w&auml;re ja schon halb zu. Schl&auml;frig, haben sie gesagt, du, ich w&auml;r  schl&auml;frig. Ich m&ouml;chte mal wissen, wer von uns beiden jetzt schl&auml;frig  ist. Du oder ich, wie? Du oder ich? Wer ist jetzt &laquo;Mein bleicher Bruder  H&auml;ngendes Lid&raquo;? Wie? Wer denn, mein Lieber, du oder ich? Ich etwa?  Als  er die Bunkert&uuml;r hinter sich zumachte, kamen ein Dutzend graue Gesichter  aus den Ecken auf ihn zu. Eins davon geh&ouml;rte dem Feldwebel. Haben Sie  ihn gefunden, Herr Leutnant? fragte das graue Gesicht und war  f&uuml;rchterlich grau dabei. Ja. Bei den Tannen. Bauchschu&szlig;. Sollen wir ihn  holen? <br />
Ja. Bei den Tannen. Ja, nat&uuml;rlich. Er mu&szlig; geholt werden. Bei den Tannen.  Das Dutzend grauer Gesichter verschwand. Der Leutnant sa&szlig; am Blechofen  und lauste sich. Genau wie gestern. Gestern hatte er sich auch gelaust.  Da sollte einer zum Bataillon kommen. Am besten der Leutnant, er selbst.  W&auml;hrend er dann das Hemd anzog, horchte er. Es scho&szlig;. Es hatte noch nie  so geschossen. Und als der Melder die T&uuml;r wieder aufri&szlig;, sah er die  Nacht. Noch nie war eine Nacht so schwarz, fand er. Unteroffizier  Heller, der sang. Der erz&auml;hlte in einer Tour von seinen Weibern. Und  dann hatte dieser Heller mit seiner ewig guten Laune gesagt: Herr  Leutnant, ich w&uuml;rde nicht zum Bataillon gehn. Ich wurde erst mal  doppelte Ration beantragen. Auf Ihren Rippen kann man ja Xylophon  spielen. Das ist ja ein Jammer, wie Sie aussehn. Das hatte Heller  gesagt. Und im Dunkeln hatten sie wohl alle gegrinst, Und einer mu&szlig;te  zum Bataillon. Da hatte er gesagt: Na, Heller, dann k&uuml;hlen Sie Ihre gute  Laune mal ein bi&szlig;chen ab. Und Heller sagte: Jawohl. Das war alles. Mehr  sagte man nie. Einfach Jawohl. Und dann war Heller gegangen. Und dann  kam Heller nicht wieder. <br />
Der Leutnant zog sein Hemd &uuml;ber den Kopf. Er h&ouml;rtte, wie sie drau&szlig;en  zur&uuml;ckkamen. Die andern. Mit Heller. Er wird nie mehr &laquo;Mein bleicher  Bruder H&auml;ngendes Lid&raquo; zu mir sagen, fl&uuml;sterte der Leutnant. Das wird er  von nun an nie mehr zu mir sagen.  Eine Laus geriet zwischen seine Daumenn&auml;gel. Es knackte. Die Laus  war  tot. Auf der Stirn hatte er einen kleinen Blutspritzer.</p>