deutsche dichter de

Radi

<p>Heute nacht war Radi bei mir. Er war blond wie immer und lachte in  seinem weichen breiten Gesicht. Auch seine Augen waren wie immer: etwas  &auml;ngstlich und etwas unsicher. Auch die paar blonden Bartspitzen hatte  er. <br />
Alles wie immer. <br />
Du bist doch tot, Radi, sagte ich. <br />
Ja, antwortete er, lach bitte nicht. <br />
Warum soll ich lachen? <br />
Ihr habt immer gelacht &uuml;ber mich, das wei&szlig; ich doch. Weil ich meine  F&uuml;&szlig;e so komisch setzte und auf dem Schulweg immer von allerlei M&auml;dchen  redete, die ich gar nicht kannte. Dar&uuml;ber habt ihr doch immer gelacht.  Und weil ich immer etwas &auml;ngstlich war, das wei&szlig; ich ganz genau. <br />
Bist du schon lange tot? fragte ich. <br />
Nein, gar nicht, sagte er. Aber ich bin im Winter gefallen. Sie  konnten mich nicht richtig in die Erde kriegen. War doch alles gefroren.  Alles steinhart. <br />
Ach ja, du bist ja in Russland gefallen, nicht? <br />
Ja, gleich im ersten Winter. Du, lach nicht, aber es ist nicht  sch&ouml;n, in Russland tot zu sein. Mir ist das alles so fremd. Die B&auml;ume  sind so fremd. So traurig, wei&szlig;t du. Meistens sind es Erlen. Wo ich  liege, stehen lauter traurige Erlen. Und die Steine st&ouml;hnen auch  manchmal. Weil sie russische Steine sein m&uuml;ssen. Und die W&auml;lder schreien  nachts. Weil sie russische W&auml;lder sein m&uuml;ssen. Und der Schnee schreit.  Weil er russischer Schnee sein muss. Ja, alles ist fremd. Alles so  fremd. <br />
Radi sa&szlig; auf meiner Bettkante und schwieg. <br />
Vielleicht hasst du alles nur so, weil du da tot sein musst, sagte  ich. Er sah mich an: Meinst du? Ach nein, du, es ist alles so furchtbar  fremd. Alles. Er sah auf seine Knie. Alles ist so fremd. Auch man  selbst. <br />
Man selbst? <br />
Ja, lach bitte nicht. Das ist es n&auml;mlich. Gerade man selbst ist sich  so furchtbar fremd. Lach bitte nicht, du, deswegen bin ich heute nacht  mal zu dir gekommen. Ich wollte das mal mit dir besprechen. <br />
Mit mir? <br />
Ja, lach bitte nicht, gerade mit dir. Du kennst mich doch genau, nicht? <br />
Ich dachte es immer. <br />
Macht nichts. Du kennst mich ganz genau. Wie ich aussehe, meine ich.  Nicht wie ich bin. Ich meine, wie ich aussehe, kennst du mich doch,  nicht? <br />
Ja, du bist blond. Du hast ein volles Gesicht. <br />
Nein, sag ruhig, ich habe ein weiches Gesicht. Ich wei&szlig; das doch. Also - <br />
Ja, du hast ein weiches Gesicht, das lacht immer und ist breit. <br />
Ja, ja. Und meine Augen? <br />
Deine Augen waren immer etwas - etwas traurig und seltsam - <br />
Du musst nicht l&uuml;gen. Ich habe sehr &auml;ngstliche und unsichere Augen  gehabt, weil ich nie wusste, ob ihr mir das alles glauben w&uuml;rdet, was  ich von den M&auml;dchen erz&auml;hlte. Und dann? War ich immer glatt im Gesicht? <br />
Nein, das warst du nicht. Du hattest immer ein paar blonde  Bartspitzen am Kinn. Du dachtest, man w&uuml;rde sie nicht sehen. Aber wir  haben sie immer gesehen. <br />
Und gelacht. <br />
Und gelacht. <br />
Radi sa&szlig; auf meiner Bettkante und rieb seine Handfl&auml;chen an seinem Knie. Ja, fl&uuml;sterte er, so war ich. Ganz genauso. <br />
Und dann sah er mich pl&ouml;tzlich mit seinen &auml;ngstlichen Augen an. Tust du mir einen Gefallen, ja? Aber lach bitte nicht, bitte. <br />
Komm mit. <br />
Nach Russland? <br />
Ja, es geht ganz schnell. Nur f&uuml;r einen Augenblick. Weil du mich noch so gut kennst, bitte. <br />
Er griff nach meiner Hand. Er f&uuml;hlte sich an wie Schnee. Ganz k&uuml;hl. Ganz lose. Ganz leicht. <br />
Wir standen zwischen ein paar Erlen. Da lag etwas Helles. Komm,  sagte Radi, da liege ich. Ich sah ein menschliches Skelett, wie ich es  von der Schule her kannte. Ein St&uuml;ck braungr&uuml;nes Metall lag daneben. Das  ist mein Stahlhelm, sagte Radi, er ist ganz verrostet und voll Moos. <br />
Und dann zeigte er auf das Skelett. Lach bitte nicht, sagte er, aber  das bin ich. Kannst du das verstehen? Du kennst mich doch. Sag doch  selbst, kann ich das hier sein? Meinest du? Findest du das nicht  furchtbar fremd? Es ist doch nichts Bekanntes an mir. Man kennt mich  doch gar nicht mehr. Aber ich bin es. Ich muss es ja sein. Aber ich kann  es nicht verstehen. Es ist so furchtbar fremd. Mit all dem, was ich  fr&uuml;her war, hat das nichts mehr zu tun. Nein, lach bitte nicht, aber mir  ist das alles so furchtbar fremd, so unverst&auml;ndlich, so weit ab. <br />
Er setzte sich auf den dunklen Boden und sah traurig vor sich hin. <br />
Mit fr&uuml;her hat das nichts mehr zu tun, sagte er, nichts, gar nichts. <br />
Dann hob er mit den Fingerspitzen etwas von der dunklen Erde hoch  und roch daran. Fremd, fl&uuml;sterte er, ganz fremd. Er hielt mir die Erde  hin. Sie war wie Schnee. Wie seine Hand war sie, mit der er vorhin nach  mir gefasst hatte: Ganz k&uuml;hl. Ganz lose. Ganz leicht. <br />
Riech, sagte er. <br />
Ich atmete tief ein. <br />
Na? <br />
Erde, sagte ich. <br />
Und? <br />
Etwas sauer. Etwas bitter. Richtige Erde. <br />
Aber doch fremd? Ganz fremd? Und doch so widerlich, nicht? <br />
Ich atmete tief an der Erde. Sie roch k&uuml;hl, lose und leicht. Etwas sauer. Etwas bitter. <br />
Sie riecht gut, sagte ich. Wie Erde. <br />
Nicht widerlich? Nicht fremd? <br />
Radi sah mich mit &auml;ngstlichen Augen an. Sie riecht doch so widerlich, du. <br />
Ich roch. <br />
Nein, so riecht alle Erde. <br />
Meinst du? <br />
Bestimmt. <br />
Und du findest sie nicht widerlich? <br />
Nein, sie riecht ausgesprochen gut, Radi. Riech doch mal genau. <br />
Er nahm ein wenig zwischen die Fingerspitzen und roch. <br />
Alle Erde riecht so? fragte er. <br />
Ja, alle. <br />
Er atmete tief. Er steckte seine Nase ganz in die Hand mit der Erde  hinein und atmete. Dann sah er mich an. Du hast recht, sagte er. Es  riecht vielleicht doch ganz gut. Aber doch fremd, wenn ich denke, dass  ich das bin, aber doch furchtbar fremd, du. Radi sa&szlig; und roch und er verga&szlig; mich und er roch und roch und roch. Und  er sagte das Wort fremd immer weniger. Immer leiser sagte er es. Er roch  und roch und roch. Da ging ich auf Zehenspitzen nach Hause zur&uuml;ck. Es war morgens um halb  sechs. In den Vorg&auml;rten sah &uuml;berall Erde durch den Schnee. Sie war k&uuml;hl.  Und lose. Und leicht. Und sie roch. Ich stand auf und atmete tief. Ja, sie roch. Sie riecht gut, Radi,  fl&uuml;sterte ich. Sie riecht wirklich gut. Sie riecht wie richtige Erde. Du  kannst ganz ruhig sein.</p>